Bildung, Schulen

An vielen Schulen reicht es gerade noch so.

09.08.2018 - 14:59:28

Kinder sind die Leidtragenden - Lehrermangel wird vielerorts noch dramatischer. Doch wird ein Lehrer krank, bricht das fragile Konstrukt zusammen. Anderswo ist der Lehrermangel schon so groß, dass Unterricht ausfällt. Der Frust wächst auf allen Seiten. Gegenmaßnahmen kommen vielen zu spät.

Berlin - Angesichts eines teils massiven Lehrermangels schlagen Schüler, Eltern und Pädagogen Alarm. Sie beklagen schwere Versäumnisse in der Bildungspolitik und befürchten Nachteile durch Lücken im Unterrichtsstoff.

Im neuen Schuljahr werde sich die bislang schon dramatische Situation vielerorts noch verschlimmern, sagen Experten. Lehrer fehlen demnach vor allem an Grundschulen, Förderschulen und ehemaligen Hauptschulen. Folgen des Mangels: Unterrichtsausfall, größere Klassen - und im schlimmsten Fall fehlen sogar Noten auf Zeugnissen.

«Ich rechne mit einer Verschärfung vor allem in den neuen Bundesländern und auch in den Stadtstaaten, insbesondere in Berlin», sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger. «Aber auch in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ist die Unterrichtsversorgung auf Kante genäht.» Bei Krankheitsausfällen werde es auch dort große Versorgungsengpässe geben. «Im Endeffekt sind die Kinder die Leidtragenden, weil sie keinen guten und vollständigen Unterricht bekommen», sagte Meidinger. Das frustriere auch die Lehrer, da sie ihr Ziel, die Schüler bestmöglich zu fördern, nicht erfüllen könnten.

Tatsächlich seien die Zeiten vorbei, in denen sich die Schüler über Unterrichtsausfall vor allem freuten, sagte der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz (BSK), Hannes Leiteritz. Sie befürchteten vielmehr Nachteile für die nähere Zukunft - zum Beispiel bei Bewerbungen. «Weniger Unterricht heißt weniger Stoffvermittlung. Und der Stoff, der nicht vermittelt wird, kann auch in späteren Jahren nicht aufgeholt werden», kritisierte der Abiturient aus Schleiz in Thüringen. «Es entstehen Lücken, die später nicht wieder geschlossen werden können, weil immer neuer Stoff nachkommt.»

Zu wenige Lehrer - und immer mehr Schüler: Nach einer offiziellen Prognose wird die Zahl der Schüler bis 2030 bundesweit um 278 000 auf 11,2 Millionen steigen. Das seien über zwei Prozent mehr als 2016, hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) im Mai mitgeteilt. Als Gründe nannte sie gestiegene Geburtenzahlen und viele Zuwanderer.

Die Länder tun inzwischen einiges, um das Ruder herumzureißen: Bayern will mit einem Ausbau des Studienangebots auf die steigenden Schülerzahlen reagieren: Ab Oktober soll es dort unter anderem 700 neue Studienplätze fürs Grundschullehramt geben. Sachsen will mit einer Geldprämie versuchen, den Lehrermangel auf dem Land einzudämmen: Referendare sollen von Januar 2019 an bis zu 1000 Euro Zulage bekommen, wenn sie ihren Anwärterdienst im ländlichen Raum absolvieren. In Brandenburg können bald Lehrer nach der Pensionierung weiter arbeiten, bei einem besonderen dienstlichen Interesse.

KMK-Chef Helmut Holter schlägt vor, Lehrer nicht mehr strikt getrennt nach Schularten auszubilden. «Wenn wir erreichen wollen, dass wir den Unterricht an den Schulen absichern wollen, müssen wir die Durchlässigkeit zwischen den Schulen erhöhen», sagte der Thüringer Bildungsminister (Linke). Die Lehrerausbildung dürfe nicht mehr etwa nach Gymnasium, Grund- und Realschule erfolgen, sondern nach Altersstufen der zu unterrichtenden Kinder. Dadurch könnten Lehrer flexibeler an unterschiedlichen Schulen eingesetzt werden.

In Berlin hat der Lehrermangel besonders dramatische Züge angenommen: Im Juni fehlten laut Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in der Hauptstadt noch 1250 Lehrer - so viele wie noch nie. Ein Projekt zum Lückenstopfen heißt hier «Unterrichten statt Kellnern»: Studenten in lehramtsbezogenen Masterstudiengängen werden Halbjahres- oder Jahresverträge an Schulen angeboten.

Die Maßnahmen kommen aus Expertensicht zu spät. «Es wurden Prognosen verschlafen und es wurde nicht rechtzeitig gegengesteuert», sagte Meidinger vom Lehrerverband. «Die Politik, auch das Bundesbildungsministerium, hätte die Hochschulen auffordern müssen, die Lehrerausbildungskapazitäten nicht so stark abzubauen.» Die Länder hätten nicht rechtzeitig auf den Geburtenanstieg reagiert. «Es hätte viel früher eine massive Lehreranwerbung geben müssen.»

Auch aus Sicht des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) ist der Lehrermangel zu einem großen Teil hausgemacht. «Wie kann es sein, dass man in solch eine enorme Lücke hineinschlittert?», kritisierte VBE-Chef Udo Beckmann. «Wenn die Politik nicht massiv nachsteuert und umsteuert, dann sehe ich auf absehbare Zeit keine Entspannung.»

Linke-Chef Bernd Riexinger kritisierte «jahrzehntelange, schwere Versäumnisse» in der Bildungspolitik und forderte die Soforteinstellung von 10 000 Grundschullehrern sowie ein Anheben der Besoldung angestellter Lehrer auf Beamtenniveau. Die FDP-Politikerin Nicola Beer sprach sich für «ein Sofortprogramm für weltbeste Bildung» aus. Dabei sei es wichtig, «dass der Lehrerberuf vor allem auch im Grundschulbereich finanziell attraktiver wird. Für Quereinsteiger muss es einfacher möglich sein, an Schulen unterrichten zu können».

Die Eltern sind ebenfalls in Aufregung. «Aus unserer Sicht ist der Lehrermangel zurzeit so schlimm, wie er noch nie war», sagte Bundeselternrat-Chef Stephan Wassmuth. «Wir sind eine Leistungsgesellschaft, das darf man nicht vergessen. Eltern machen sich Sorgen, dass die Grundlagen fehlen.» Es könne nicht die Lösung sein, dass Eltern den fehlenden Stoff mit ihren Kindern in der Freizeit nachholten oder Nachhilfe finanzierten.

Auch mit Seiteneinsteigern versuchen Länder, Lücken zu stopfen. In Nordrhein-Westfalen hatte 2017 laut Schulministerium jeder neunte neu eingestellte Lehrer keine grundständige Ausbildung. Meidinger sieht diesen Trend kritisch und spricht von einer «Notlösung». «Geschieht das in großem Umfang, verschlechtert das die Unterrichtsqualität.» Beckmann vom VBE gibt zu bedenken, Seiteneinsteiger hätten teils überhaupt keine pädagogische Qualifikation. «Gerade in der Grundschule brauchen wir aber bei der hohen Diversität der Schüler gut ausgebildete Pädagogen.» Er fordert eine pädagogische Vorqualifikation von mindestens einem halben Jahr.

@ dpa.de

Weitere Meldungen

Schuldigitalisierung wohl erst ab Sommer 2019. Berlin - Deutschlands Schüler sollen voraussichtlich erst ab Sommer 2019 verstärkt mit digitalen Medien unterrichtet werden. Dafür wollen Bund und Länder den Digitalpakt Schule «zügig» in Kraft setzen. Die Länder beschlossen bei einer Sitzung der Kultusministerkonferenz in Berlin mehrheitlich eine entsprechende Erklärung. Ursprünglich sollte die Schuldigitalisierung zum 1. Januar 2019 starten. Unter den Ländern herrscht über das weitere Verfahren aber keine Einigkeit Für die Schuldigitalisierung will der Bund den Ländern in den kommenden fünf Jahren fünf Milliarden Euro überweisen. Schuldigitalisierung wohl erst ab Sommer 2019 (Politik, 06.12.2018 - 18:08) weiterlesen...

Streit um Grundgesetzänderung - Schuldigitalisierung wohl erst ab Sommer 2019. Doch auch für den Digitalpakt gibt es jetzt ein neues Zieldatum. Ein wenig erinnert der Streit um die Schuldigitalisierung an den neuen Berliner Flughafen: Wann es wirklich losgehen kann, ist nicht ganz klar. (Politik, 06.12.2018 - 16:52) weiterlesen...

Streit um Grundgesetzänderung - Bund und Länder wollen Digitalpakt Schule «zügig» umsetzen. Wirtschaft und Kommunen dringen auf eine Einigung. Mit dem Stopp der Ministerpräsidenten zur vom Bund geplanten Grundgesetzänderung droht eine Verzögerung bei der Umsetzung des geplanten Digitalpakts für die Schulen. (Politik, 06.12.2018 - 14:46) weiterlesen...

Reportage - Das digitale Klassenzimmer. Doch ganz unumstritten ist digitaler Unterricht nicht. Ist Deutschland bereit für die Digitalisierung der Schulen? Während die Politik intensiv über das Großprojekt streitet, gehören Tablets und WLAN an manchen Schulen längst zum Alltag. (Politik, 06.12.2018 - 13:58) weiterlesen...

Karliczek: Digitalpakt soll schnell kommen. In dem Pakt soll geregelt werden, wie der Bund den Ländern in den kommenden fünf Jahren fünf Milliarden Euro für einen Ausbau von digitalem Unterricht zahlen kann. Auf einer Sitzung der Kultusministerkonferenz habe Karliczek mit den Kultusministern der Länder die aktuelle Lage erörtert, teilte ihr Ministerium am in Berlin mit. Berlin - Im Streit um die geplante weitere Digitalisierung der Schulen hat sich Bundesbildungsministerin Anja Karliczek dafür ausgesprochen, dass der Digitalpakt Schule schnell auf den Weg kommt. (Politik, 06.12.2018 - 12:46) weiterlesen...

Digitalpakt Schule bleibt in der Schwebe. Wie aus einer von der Kultusministerkonferenz veröffentlichten Einladung hervorgeht, nimmt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek nicht an einer Pressekonferenz der KMK am Mittag in Berlin teil. Daraus lässt sich schließen, dass eine vorliegende Vereinbarung zum Digitalpakt wohl tatsächlich nicht an diesem Donnerstag unterzeichnet wird wie ursprünglich geplant. Wie aus Länderkreisen zu erfahren war, wollte Karliczek aber an den internen Beratungen der KMK teilnehmen. Berlin - Der geplante Digitalpakt für die Schulen bleibt weiter in der Schwebe. (Politik, 06.12.2018 - 11:52) weiterlesen...