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Konflikte, Bundeswehr

Am Flughafen Kabul spielen sich Tragödien ab.

26.08.2021 - 19:26:11

Afghanistan - Terror und Hilferufe - Letzte Evakuierungsflüge aus Kabul. Verzweifelte Menschen warten auf Rettung und werden von Terroristen getötet. Deutschland sucht nach neuen Wegen für eine Evakuierung.

  • Evakuierungen aus Afghanistan - Foto: Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa

    Ein Evakuierungsflugzeug der Bundeswehr aus Kabul erreicht den Flughafen im usbekischen Taschkent. Foto: Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa

  • Evakuierung - Foto: Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa

    Ein Bundeswehrsoldat tr?gt ein Kleinkind ?ber den Flughafen von Taschkent. Foto: Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa

  • Versorgung vor Ort - Foto: Stfw Schueller/Bundeswehr/dpa

    Soldaten und Helfer verteilen Spenden an Menschen, die auf dem Flughafen von Kabul auf eine Ausreisem?glichkeit warten. Foto: Stfw Schueller/Bundeswehr/dpa

  • US-Truppen - Foto: Sgt. Jillian G. Hix/U.S. Army via AP/dpa

    US-Fallschirmj?ger sichern den Flughafen. Foto: Sgt. Jillian G. Hix/U.S. Army via AP/dpa

Evakuierungen aus Afghanistan - Foto: Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpaEvakuierung - Foto: Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpaVersorgung vor Ort - Foto: Stfw Schueller/Bundeswehr/dpaUS-Truppen - Foto: Sgt. Jillian G. Hix/U.S. Army via AP/dpa

Berlin/Kabul - Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bestätigt: Vor dem Flughafen Kabul überschattet ein verheerender Terroranschlag mit zwei Explosionen das Ende der Rettungsflüge nach Deutschland und in viele andere Nato-Staaten.

Während die letzten Evakuierungsmaschinen der Bundeswehr am Donnerstag die Gefahr hinter sich lassen und auch die Fallschirmjäger, Sanitäter und Militärpolizisten («Feldjäger») an Bord haben, bleiben am Boden Verzweifelte zurück.

Es herrscht Chaos in Kabul

Ein A400M-MedEvac landet am Abend außerplanmäßig, bietet den Amerikanern Hilfe für Verwundete an, nimmt aber auch zwei deutsche Soldaten auf, die am Boden zurückgeblieben waren. Am Abend startet die Maschine wieder. Kanzlerin Angela Merkel spricht fast zeitgleich in Berlin von einem absolut niederträchtigen Anschlag auf die verzweifelt Wartenden.

Seit Tagen war vor Plänen der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) gewarnt worden. Mehr als zehn vorbereitete Attentäter seien in Kabul unterwegs, hieß es aus Militärkreisen. Der Bundeswehr lagen zudem Warnungen vor, dass ein Selbstmordattentäter durch Sicherheitskontrollen schlüpfen und womöglich - beispielsweise mit Sprengstoff in den Schuhsohlen - an Bord der A400M-Transportflugzeuge gelängen könnte, um sich dort «umzusetzen», also den Sprengstoff zu zünden.

Mehrere Attentäter abgefangen

Taliban-Kämpfer sollen an ihren Kontrollstellen im Umfeld des Flughafens bereits mehrere Attentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) abgefangen und getötet haben. Zwar hatten mehrere Staaten ihre Bürger aufgerufen, dem Flughafen fernzubleiben, doch ungeachtet der Drohungen war das Gedränge immer schlimmer geworden.

Ein Augenzeuge berichtete der Deutschen Presse-Agentur Stunden vor dem Anschlag, die Menschen stünden «so eng aneinander wie Ziegel einer Mauer». Er sei rund 200 Meter vom Eingang entfernt, und es würde das Leben seines Kindes oder seiner Frau kosten, wenn er versuchte, diese 200 Meter zu überwinden. In einem übermittelten Video sieht man Menschen mit Dokumenten in der Hand winken. Sie rufen «Help me!» - helfen Sie mir - und stehen Schulter an Schulter in der prallen Sonne. In der Menge sind auch Kinder und Frauen, man hört auch Babys weinen.

Nur noch Spezialkräfte vor Ort

Zuerst wurden am Donnerstag die letzten anwesenden Schutzbedürftigen - das Militär selbst spricht von «Echos» - ausgeflogen, dann die Soldaten. Als letzte bleiben Spezialkräfte, um noch handlungsfähig zu sein. Wer auf Listen steht und es nun noch schafft, soll einen Platz in einem US-Flugzeug bekommen, wie die Bundesregierung ausgehandelt hat.

Als letzte Verteidigungslinie um die deutschen Evakuierungsmaschinen standen wie seit dem Beginn der Operation Luftwaffensoldaten bereit. Sie gehören zu den «Air Mobile Protection Teams» (AMPT) der Objektschutzregiments «Friesland», geführt von Oberst Marc Vogt.

«Diese Männer sind alle so ausgebildet, dass sie auf eine Eskalation der Lage unmittelbar reagieren können. Von Festsetzen eventueller Täter über Niederhalten und sofort raus bis zu «wir bleiben vor Ort und schicken nur die Maschine das Luftfahrzeug raus»», sagt Vogt. «Ich bin sehr stolz auf meine Männer und die Leistung des gesamten Verbandes. Binnen weniger Stunden haben wir sie vorbereitet und abgeschleust und vor Ort erfüllen sie mehr, als man von ihnen verlangen könnte.»

Soldaten «psychisch angefasst und belastet»

Meist sind fünf Mann an Bord. «Die Männer schildern mir, dass die Erschöpfung der Menschen von Tag zu Tag größer ist. Mittlerweile kollabieren fast auf jedem Flug ein oder zwei Menschen. Wenn der Druck abfällt und die Kühlung angeht, schaltet der Körper auf Standby. Auf dem Rückflug sind die Männer durchweg als Lebensretter und Schützer beschäftigt», sagt Vogt. Die Soldaten seien «psychisch angefasst und belastet», aber auch stolz. «Es ist eine sehr erfüllende Aufgabe, Menschen in der Form zu retten und zu sehen, wie die Angst von ihnen abfällt», so der Offizier.

Von zentraler Bedeutung für künftige Evakuierungen ist ein Weiterbetrieb des teils schon geplünderten Flughafens nach dem Ende des Militäreinsatzes, der vielen zunächst als unwahrscheinlich gilt. «Die Bahn ist offensichtlich in Ordnung. Ich sag mal ganz einfach aus meiner Sicht, was man mindestens bräuchte: Ich brauche einen Abfertigungsbereich, Air-Traffic-Control und ich brauche eine Feuerwehr», sagt dazu Vogt. «Ich weiß nicht, was davon nicht funktioniert und wie schnell man es wieder herstellen kann.»

«Phase zwei» der Evakuierungsaktion

Nun beginnt «Phase zwei», denn das Ende der Bundeswehrmission bedeutet nicht das Ende der Evakuierungsaktion. Die Bundesregierung wird weiter versuchen, so viele Menschen wie möglich aus Afghanistan herauszuholen, allerdings künftig ohne militärische Unterstützung - und nur mit Zustimmung der Taliban, ohne die nichts mehr geht.

Die Verhandlungen, die der deutsche Entsandte Markus Potzel seit Tagen mit dem politischen Arm der Islamisten im Golfstaat Katar führt, bekommen jetzt eine zentrale Bedeutung. Hauptziel ist der zivile Weiterbetrieb des stark beschädigten Flughafens. Es geht aber auch um freies Geleit auf dem Landweg in die Nachbarländer, vor allem nach Pakistan, Usbekistan und Tadschikistan.

Ein erstes Ergebnis gibt es seit Mittwoch. Da sagten die Taliban Potzel nach dessen Angaben zu, Afghanen mit gültigen Ausweispapieren auch nach dem 31. August außer Landes zu lassen. Wie verlässlich das ist, weiß man nicht. Fest steht aber, dass auch die Taliban ein Interesse an einem einigermaßen guten Auskommen mit Deutschland haben. Denn die deutsche Verhandlungsmasse sind Hunderte Million Euro Hilfsgelder, die seit der Machtübernahme der Islamisten auf Eis liegen. Potzel hat in den Verhandlungen bereits in Aussicht gestellt, dass die Entwicklungshilfe unter bestimmten Bedingungen wieder fließen könnte.

Viele Tausend Menschen suchen Schutz

Es geht um viele Tausend Menschen, die auch nach dem Ende der Militärmission noch Schutz vor den Taliban suchen. Auch eineinhalb Wochen nach Beginn der Evakuierungsaktion gibt es noch Nachmeldungen auf den Listen des Auswärtigen Amts: Vor allem besonders gefährdete Afghanen, aber auch mehr als 200 Deutsche sollen noch im Land sein.

Neben dem guten Willen der Taliban hängt die Fortführung der Evakuierungsaktion sehr stark von der weiteren Entwicklung der Sicherheitslage ab. Es gibt die Hoffnung, dass die massive Terrorgefahr nach Abzug der US-Truppen abnimmt. Sicher ist das aber nicht.

© dpa-infocom, dpa:210826-99-972284/17

@ dpa.de