Nationalsozialismus, Schleswig-Holstein

77 Jahre nach NS-Verbrechen im KZ Stutthof verschafft sich ein Gericht einen Eindruck von dem ehemaligen Lager.

04.11.2022 - 20:10:51

Richter und Anwälte nehmen ehemaliges KZ in Augenschein. Die Richter wollen wissen, was eine Sekretärin damals von ihrem Arbeitsplatz aus sehen konnte.

Im Prozess gegen eine frühere Sekretärin im KZ Stutthof haben am Freitag zwei Richter das ehemalige deutsche Lager bei Danzig in Polen besucht. Ein historischer Sachverständiger, der sie begleitete, wollte ihnen die Örtlichkeiten zur Zeit der NS-Herrschaft erläutern.

Der Besuch in dem ehemaligen KZ war Teil des Prozesses gegen Irmgard F., die 1943 bis 1945 als Zivilangestellte in dem Lager gearbeitet haben soll. Die Staatsanwaltschaft wirft der 97-Jährigen vor, als Schreibkraft Beihilfe zum systematischen Mord an mehr als 11 000 Gefangenen geleistet zu haben. Die Angeklagte äußerte sich bislang nicht vor Gericht.

Bei ihrem Besuch wollten die Richter klären, welche Bereiche des Lagers die Angeklagte damals von ihrem Arbeitsplatz aus sehen konnte. Zentral für den Prozess ist die Frage, was für sie als Schreibkraft von den verübten Verbrechen wahrnehmbar war. Die Richter wollen nach Angaben der Sprecherin beim nächsten Prozesstermin über die Inaugenscheinnahme des ehemaligen Lagers berichten.

Ungewöhnlicher Besuch eines deutschen Gerichts

Offizielle Besuche von deutschen Gerichten an den Orten der NS-Verbrechen in Polen sind ungewöhnlich. Im Frankfurter Auschwitz-Prozess hatte das Gericht 1964 das ehemalige Vernichtungslager in Augenschein genommen. Auch im über fünf Jahre dauernden Majdanek-Prozess vor dem Landgericht Düsseldorf (1975-1981) waren die Richter an den Tatort gereist, wie der Anwalt und ehemalige Kölner Staatsanwalt Günther Feld erklärte. In einem weiteren Prozess gegen den SS-Unterscharführer Heinrich Kühnemann begab sich das Gericht Anfang der 90er Jahre nach Auschwitz.

Stutthof sei ein relativ überschaubares Lager gewesen, hatte eine Richterin als Zeugin in Itzehoe gesagt. Vom zweiten Stock der Kommandantur aus habe man «einen ganz guten Überblick» gehabt. Die Berliner Juristin war 2014 bis 2016 bei der Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg tätig gewesen und hatte die Vorermittlungen gegen Irmgard F. eingeleitet.

@ dpa.de