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Kolummne, Deutschland

FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Fondsmanager Frank beobachtet eine anhaltende Schrumpfung des Aktienangebots an der Börse - quantitativ und inhaltlich.

04.10.2021 - 10:02:27

Börse Frankfurt-News: Die Anzahl börsennotierter Unternehmen schrumpft. Und sieht darin einige Probleme für Anleger*innen wie Kapitalmarkt.

4. Oktober 2021. FRANKFURT (pfp Adisory). Wie viele verschiedene Aktien deutscher Unternehmen kann ein Anleger eigentlich kaufen? Diese Frage wird mir gelegentlich gestellt. Es ist gar nicht so einfach, sie mit einer konkreten Zahl zu beantworten. Zum einen ändert sich diese Zahl ständig, sinkt beispielsweise durch Delistings, Übernahmen und Fusionen oder steigt durch Börsengänge und Abspaltungen. Zum anderen müssen sich die Diskussionspartner erst einmal auf eine Definition einigen, was genau eigentlich gezählt werden soll. Sollen verschiedene Aktiengattungen wie z. B. Stammaktien und Vorzugsaktien eines Unternehmens jeweils einzeln mitgezählt werden oder nicht? Sind nur Wertpapiere aus dem regulierten Markt gemeint oder auch solche aus dem Freiverkehr? Wenn bei einer laufenden Übernahme Aktien zum Verkauf eingereicht werden und dann eine andere Wertpapierkennnummer bzw. ISIN erhalten, sollen diese dann separat berücksichtigt werden oder zusammen mit den nicht zum Verkauf eingereichten? Sollen Unternehmen ausgeschlossen werden, deren einziger Geschäftszweck das Halten von Aktien anderer börsennotierter Unternehmen ist; ein Ausschlusskriterium, wie es z. B. die Weltbank praktiziert? Die Frageliste ließe sich fortsetzen.

Wer keine eigene Liste aller deutschen (oder weltweit verfügbaren) Aktien führt, sondern auf die Angaben anderer angewiesen ist, wird daher schnell auf widersprüchliche Angaben stoßen. So zählt "Statista" etwas anders als die OECD oder die Weltbank. Alle Zählweisen, einschließlich meiner eigenen, führen jedoch zu einem beunruhigenden Ergebnis: Die Zahl der deutschlandweit handelbaren Aktien sinkt seit Jahren. Nehmen wir die Angaben der Weltbank: Laut diesen ist die Anzahl aller börsennotierten Unternehmen in Deutschland seit 1995 um über 30 Prozent zurückgegangen. (Kleiner kontraintuitiver Befund am Rande: In den USA, dem Mutterland des Börsenkapitalismus, in dem laut OECD-Angaben im Jahr 2020 mit 4.407 Unternehmen deutlich mehr Firmen börsennotiert waren als in der EU mit 2.877, betrug der Schwund binnen 25 Jahren sogar über 40 Prozent.)

Leider entspricht diese Bilanz exakt meiner subjektiven Erfahrung: Fast in jedem Jahr verschwanden zuletzt mehr deutsche Unternehmen vom Kurszettel, als neue hinzukamen. Manche meiner Gesprächspartner wundern sich darüber: Boomt die Börse nicht seit Jahren? Sind die Deutschen nicht gerade dabei, den Aktienmarkt neu zu entdecken? Ja, das stimmt. Und dennoch: In Deutschland und in einigen anderen westlichen Ländern haben die Börsen klar an Bedeutung verloren. Sie sind weniger vielfältig als noch 1995, stattdessen werden sie zunehmend von hochkapitalisierten Konzernen und institutionellen Großanlegern dominiert.

Mit dieser Konzentration schwindet auch der "demokratische" Charakter der Börsen immer mehr. Privatanleger mit kleinem Geldbeutel werden an den Rand gedrängt. Von Börsengängen werden sie teilweise gezielt ausgeschlossen, der Handel mit Einzelaktien seitens Regulierungsbehörden erschwert. Damit setzt auch eine tendenzielle Entfremdung derjenigen Bevölkerungsschichten ein, die der Börse bisher noch einigermaßen wohlwollend gegenüberstehen.

Auf der Angebotsseite sieht es ähnlich aus: Wenn immer weniger kleine Wachstumsunternehmen börsennotiert sind und stattdessen alte und eher träge Dickschiffe an der Börse dominieren, spiegelt sich diese Entwicklung auch auf der Eigenkapitalseite wider. Wenn sich das Kapital tendenziell eher auf traditionelle Industrien konzentriert, kann das auch negative Auswirkungen auf das Produktivitätswachstum haben.

Wie lassen sich diese Probleme beheben? Am Geld mangelt es meines Erachtens nicht, davon ist genügend vorhanden. Es muss für junge, innovative Unternehmen schlicht wieder interessanter werden, den Gang an die Börse zu wagen. Ein IPO sollte wieder eine echte Alternative für deutsche Gründer werden, die derzeit ihr eigenes Start-up häufig lieber an einen größeren Konkurrenten verkaufen. Das wird nur gelingen, wenn klassische Börsengänge zu vertretbaren Kosten ermöglicht werden und der Regulierungsaufwand während und nach dem IPO in einem vernünftigen Rahmen bleibt. An zwei weiteren Faktoren, welche die OECD ebenfalls als "Schuldige" ausmacht, nämlich das Niedrigzinsniveau, das die Finanzierung durch Fremdkapital attraktiver macht als durch Eigenkapital, sowie dem überreichlich vorhandenen außerbörslichen Beteiligungskapital, wird sich hingegen so schnell wohl nichts ändern lassen.

Leider wird diese "Re-Demokratisierung" der Börsen deshalb wohl bis auf Weiteres ein Wunschtraum bleiben. Für Politiker ist es viel einfacher, auf dem "bösen Kapitalmarkt" herumzuhacken, sich als "Beschützer" der privaten Anleger aufzuspielen und die Bürger mit Geldgeschenken zu alimentieren, statt ihnen einen einfachen Zugang zu den Börsen zu sichern, sie in die finanzielle Selbstverantwortung zu entlassen und unmittelbar an den Erfolgen der deutschen Wirtschaft teilhaben zu lassen. Insbesondere in Deutschland hat dieser Politikstil leider eine lange Tradition, wie der vergangene Bundestagswahlkampf einmal mehr gezeigt hat. Deshalb ist zu befürchten, dass im Jahr 2046 die Anzahl börsennotierter Unternehmen abermals geschrumpft sein wird.

von: Christoph Frank, 4. Oktober 2021, © pfp Advisory

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 25 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds, sowie den im August 2021 gestarteten pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium (WKN A3CM1J). Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)

@ dpa.de