Kolummne, Deutschland

FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - FANG, FAANG oder GAFAM? Christopher Frank amüsiert sich über die Flut an Akronymen für Aktienkörbe und befürchtet, dass Marketing wenig reflektierte Anlageentscheidungen auslösen kann.

08.10.2018 - 12:02:23

Börse Frankfurt-News: Schicke Abkürzungen ersetzen keine gründliche Analyse (pfp

8. Oktober 2018. FRANKFURT (pfp Advisory). Kennen Sie KOHL? Nein, nicht das gesunde Gemüse oder den verstorbenen Altkanzler oder die bekannte Börsenmoderatorin gleichen Nachnamens, sondern den Aktien-KOHL? Grämen Sie sich nicht, ich kannte den neuen KOHL aus unserem westlichen Nachbarland bis vor kurzem auch nicht. KOHL, von französischen Analysten erfunden, ist ein Akronym für Kering, L'Oréal, Hermès und LVMH und soll den Erfolg der französischen Luxusgüterkonzerne abbilden. Die Grundidee: Luxus geht immer, in guten wie in schlechten Zeiten, zunehmend auch im aufstrebenden Asien. Spezielle Anlageprodukte auf KOHL gibt es meines Wissens noch nicht, aber das ist vermutlich nur eine Frage der Zeit.

Plakative Abkürzungen für Aktien-Baskets haben in der Börsengeschichte eine lange Tradition. Wer erinnert sich nicht an die legendäre Abkürzung BRIC für die vier Staaten Brasilien, Russland, Indien, und China, die zur Jahrtausendwende von Goldman Sachs geprägt wurde und eine Armada entsprechender Fonds und Zertifikate nach sich zog. Als das Konzept nicht mehr richtig ankam, ersannen die "Goldmänner" die neue Wortkreation MIST für Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei; entsprechende Anlageprodukte folgten bald.

Noch länger zurück liegt die Blütezeit der legendären "Nifty Fifty", an die sich wahrscheinlich nur noch alte Börsenhasen erinnern. Unter diesen "schicken 50" verstanden Anleger Bluechips mit hohem Börsenwert, starker Marktstellung und bekanntem Markennamen, die als solide "Buy-and-hold"-Investments während des langen Bärenmarktes der 1970er Jahre galten. Kurs-Gewinn-Verhältnisse von über 50 waren eher die Ausnahme als die Regel. Eine Weile funktionierte dieses "Konzept", doch erlebten viele dieser Aktien spätestens ab dem Bärenmarkt 1973/74 ihr Waterloo. Einstige Nifties wie Avon Products, Eastman Kodak, Revlon oder Xerox notieren heute zu Bruchteilen ihres damaligen Wertes.

Andere wie Coca-Cola, McDonald's oder Wal-Mart wuchsen im Lauf der Jahrzehnte in ihre hohen Bewertungen hinein und entwickelten sich für Anleger tatsächlich zu lukrativen Investments. In der Summe hätte es aber definitiv nicht gereicht, undifferenziert alle Nifty Fifty-Aktien zu kaufen, nur weil sie eben damals schick waren.

In der aktuellen Börsenwelt sind es vor allem Aktienkörbe mit den großen US-amerikanischen Technologietiteln, die die Anleger elektrisieren. Wahlweise laufen sie unter der Abkürzung FANG, FAANG oder GAFAM, je nachdem, ob neben den gesetzten Konzernen Google (bzw. deren Holding Alphabet), Apple und Facebook auch noch Netflix, Amazon und Microsoft einbezogen werden. Ähnlich den "Nifty Fifty" in ihrer Anfangszeit, sind diese Tech-Aktienbaskets in den vergangenen Jahren auf Höhenflug, den teilweise irrwitzigen Bewertungen zum Trotz. Wie diese Geschichte ausgeht, wissen wir noch nicht. Die Zukunft wird es zeigen.

Vielleicht laufen die Technologietitel noch lange weiter, derzeit wachsen die Konzerne mit respektablen Raten beim Umsatz (und manchmal auch beim Gewinn). Ob sich KOHL in einem ähnlich rosigen Umfeld bewegt, erscheint schon fraglicher. Vielleicht geht das Konzept auf, aber es ähnelt mehr einer Wette auf die Entwicklung einer speziellen Branche und in Frankreich ansässigen Unternehmen als einem ausgefeilten und gut begründeten Investmentkonzept.

Meiner Meinung nach sollten Anleger nicht jeder Abkürzungs-Sau hinterherrennen, die gerade durchs Börsen-Dorf getrieben wird. Aussichtsreicher erscheint es mir, wenn sie sich selbst einen Korb vielversprechender Aktien zusammenstellen oder diese Arbeit an professionelle Fondsmanager delegieren. Diese Auswahl sollte durch eine gründliche Analyse ermittelt werden, unabhängig davon, ob die Aktien Teil eines gerade modischen Kürzel sind oder nicht. Statt "FANG den KOHL" spielen besser selbst denken!

von Christoph Frank

8. Oktober 2018, © pfp Advisory

Über den Autor

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DB Platinum IV Platow Fonds (WKN DWS030), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

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