Ernährung, Chemie

BERLIN - Viele Landwirte gehen angesichts stark gestiegener Kosten für Düngemittel besorgt ins neue Jahr.

26.12.2021 - 14:31:28

Bauern wegen Düngerpreisen in Sorge - Özdemir will mehr Wertschätzung. "Sollten die Preise auf diesem Niveau bleiben und es zu Lieferengpässen kommen, könnte es zu teilweise erheblichen Ertragsrückgängen bei der Ernte 2022 kommen", heißt es in einem Marktbericht des Bauernverbands, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Jüngste Spannungen mit Russland, die Energiekrise in China und eine nicht nachlassende globale Nachfrage nach Düngern ließen ein solches Szenario realistisch erscheinen.

Bei Stickstoffdünger habe es wegen erheblicher Verteuerungen von Erdgas, das bei der Herstellung eingesetzt wird, Preissteigerungen von bis zu 236 Prozent gegeben, heißt es in dem Marktbericht des Bauernverbands für 2021. Zugleich hätten einige europäische Hersteller die Produktion reduziert. Die Lage sei nach wie vor kritisch. Der Bauernverband setze sich deshalb für eine vorübergehende Aussetzung von Anti-Dumping-Zöllen ein, um den Kostendruck für die europäischen Landwirte zu mindern und die Getreideversorgung im kommenden Jahr zu sichern.

Gleichzeitig fordert Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) höhere Preise für Lebensmittel und Agrarprodukte. "Es darf keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben, sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima. Das will ich ändern", sagte er der "Bild am Sonntag". Er wolle, dass die Menschen in Deutschland ihre Lebensmittel genauso wertschätzten wie ihre Autos. "Manchmal habe ich das Gefühl, ein gutes Motoröl ist uns wichtiger als ein gutes Salatöl", kritisierte der Minister. Lebensmittel dürften zwar kein Luxusgut werden. "Doch der Preis muss die ökologische Wahrheit stärker ausdrücken", sagte Özdemir.

Höhere Kosten für Dünger und Diesel schlagen bei vielen Höfen auch auf die Ertragslage durch. "Die Erzeugerpreise für Getreide- und Ölsaaten lassen auf den ersten Blick zwar eine positive Stimmung vermuten", erläuterte Bauernpräsident Joachim Rukwied. "Doch diese verbesserte Erlössituation wird durch die beispiellos explodierten Betriebsmittelpreise für Düngemittel und Energie ausgebremst."

Generell sei die Lage insbesondere bei Schweinehaltern weiter "mehr als angespannt", sagte Rukwied. Erzeugerpreise für Schlachtschweine und Ferkel seien "nach wie vor ruinös" und hätten viele Betriebe in den Ausstieg gedrängt. Laut Marktbericht beschleunigte sich der seit Jahren zu sehende Rückgang der Schweinebestände weiter. Zahlen der Viehzählung von November 2021 wiesen mit 23,6 Millionen Schweinen den niedrigsten Bestand in Deutschland seit 25 Jahren aus. Sofern sich die Corona-Lage wieder bessere, sollte sich der Markt mit zunehmender Geschwindigkeit erholen. Wegen stark gestiegener Futterkosten sei der Weg zu einem auskömmlichen Preisniveau aber noch sehr weit.

Bei Rindfleisch habe sich der Markt 2021 positiv entwickelt, auch angesichts kleinerer Bestände in Deutschland. Die Erzeugerpreise liegen laut Marktbericht zum Jahresende passend zum traditionellen Hoch zur Weihnachtszeit auf Rekordniveau.

Agrarminister Özdemir strebt neben dem Ende von "Ramschpreisen" eine Ausweitung der Fläche ökologisch bestellter Felder bis 2030 von derzeit knapp 10 auf 30 Prozent an und will dafür die "Nachfragemacht des Staates nutzen": Die Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen sollte auf mehr regionale und Bio-Produkte umgestellt werden. "Der Staat muss da Vorbild sein."

Weiterhin plant Özdemir strengere Vorgaben für Fertigprodukte, damit sich die Menschen gesünder ernähren. "Deutschland ernährt sich insgesamt zu ungesund", sagte er. Über 50 Prozent der Erwachsenen seien übergewichtig. "Der Grund dafür sind zu viel Zucker, Fett und Salz, vor allem in Fertigprodukten." Die Politik habe zu lange versucht, die Industrie mit freiwilligen Selbstverpflichtungen zur Reduktion dieser Inhaltsstoffe zu bewegen. "Damit ist jetzt Schluss. Mit mir wird es verbindliche Reduktionsziele geben", machte Özdemir deutlich.

@ dpa.de

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