Deutschland, Branchen

BERLIN - Mehr als jeder vierte Auszubildende bricht seine Lehre vorzeitig ab.

04.04.2018 - 16:32:24

Jeder Vierte bricht Lehre ab - DGB warnt vor abgehängter Generation. Laut einem Entwurf des neuen Berufsbildungsberichts betrug die Abbrecherquote zuletzt 25,8 Prozent. Die Zahl stammt aus dem Jahr 2016. Es ist der höchste Wert seit Anfang der 90er Jahre. 146 376 Ausbildungsverträge wurden vorzeitig gelöst. Der Entwurf lag der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch in Berlin vor. Die "Süddeutsche Zeitung" (Mittwoch) hatte zuerst darüber berichtet.

Sogar mehr als jeder zweite Azubi bricht die Lehre als Fachkraft für Schutz und Sicherheit ab (50,7 Prozent), gefolgt von Restaurantfachleuten (50,6). Bei Köchen sind es 48,6 Prozent, bei Fachkräften im Gastgewerbe 43,4 Prozent, bei Hotelfachleuten 40,8 Prozent. Quoten von über 45 Prozent gibt es bei angehenden Fachkräften für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice (49,8 Prozent), Gebäudereinigern (49,7), Friseuren (49,6), Gerüstbauern (47,9) und Berufskraftfahrern (46,2 Prozent).

Schon der jüngste Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) hatte gezeigt: Tausende Azubis klagen über Probleme wie viele Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten oder schlechte Berufsschul-Qualität. Der neue Entwurf für den Regierungsbericht zur Berufsbildung nennt unter Berufung auf Studien als Gründe für einen Abbruch: Konflikte mit Ausbildern, mangelnde Ausbildungsqualität, ungünstige Arbeitsbedingungen oder falsche Berufsvorstellungen. Betriebe führten mangelnde Leistungen und Motivation der Azubis an. Aber auch die größere Chance der Betroffenen, einen anderen Ausbildungsplatz zu finden, könne einen Abbruch begünstigen.

Eins ist nämlich auch klar: Das Angebot an Ausbildungsstellen ist unterm Strich groß. Zwar bieten etwas weniger kleine Betriebe einen Platz an, die Quote der Betriebe mit Azubis ist unter ein Fünftel gerutscht. Doch die Zahl der Ausbildungsplatzangebote stieg vergangenes Jahr um 8500 auf 572 200 Stellen. Bis Ende September 2017 wurden 523 300 Verträge neu abgeschlossen - 3000 mehr als im Vorjahr.

Doch passen Angebot und Nachfrage nicht immer zusammen: Die Zahl unbesetzter Stellen stieg auf knapp 49 000 - die der unversorgten Bewerber auf 24 000. Der Entwurf für den Regierungsbericht ruft Azubis zu mehr Mobilität und Flexibilität auf.

"Über die Hälfte der Vertragslösungen sind keine endgültigen Ausbildungsabbrüche, sondern gehen mit einem Wechsel des Ausbildungsbetriebes oder des Ausbildungsberufs einher", betonte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

DGB-Vize Elke Hannack kritisierte: "Viele steigen vorher aus, da sie mit der kargen Vergütung nicht über die Runden kommen." Die im Koalitionsvertrag enthaltene Mindestvergütung für Azubis wäre ein wirksames Instrument gegen Ausbildungsabbrüche, meinte Hannack. "Die Koalition muss sie schnell um setzen."

Kramer hingegen meint, es gebe keinen Zusammenhang von Ausbildungsvergütung und Vertragslösungsquote. "Die durchschnittliche tarifliche Ausbildungsvergütung bei Köchen und Restaurantfachkräften, die überdurchschnittlich hohe Lösungsquoten aufweisen, liegt in Westdeutschland bei 784 Euro monatlich, in Ostdeutschland bei 669 Euro und damit jeweils im mittleren Bereich."

Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, betonte: "Wir im Handwerk wollen Fachkräfte qualifizieren und an uns binden." Auch der ZDH wies auf die Wechsler hin, die ihre Ausbildung in einem anderen Betrieb fortsetzten. Aber Schwannecke sagte auch: "Die in jüngster Zeit zunehmende Vertragslösungsquote ist auch auf die steigende Zahl von geflüchteten Auszubildenden zurückzuführen." Sprachdefizite und unzureichende Kenntnisse in Rechnen, Schreiben und Lesen führten zu Problemen vor allem in der Berufsschule und zu Ausbildungsabbrüchen.

Hannack wies noch auf ein anderes Problem hin: "Jahr für Jahr schaffen mehr als 140 000 junge Menschen nicht den Sprung von der Schule in die Ausbildung." Ihnen drohe prekäre Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit. "Besonders dramatisch ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt im Ruhrgebiet, in den mittleren Städten Hessens und Niedersachsens sowie im Norden Schleswig-Holsteins und Nordosten Brandenburgs", sagte sie. "Wir dürfen nicht zulassen, dass in Oberhausen, Bochum, Hameln, Flensburg oder Eberswalde eine abgehängte Generation heranwächst."

Das für den Bericht zuständige Bundesbildungsministerium wollte sich vor der für die kommenden Wochen geplanten Befassung des Kabinetts damit und der Veröffentlichung nicht zu den Inhalten äußern.

@ dpa.de

Weitere Meldungen

Zoll-Streit: Chinas Premierminister Li wirbt für Freihandel. "Es ist wichtig, dass wir die Grundprinzipien des Multilateralismus und des Freihandels aufrechterhalten", sagte Li Keqiang am Mittwoch auf dem "Sommer-Davos" genannten Weltwirtschaftsforum in der chinesischen Stadt Tianjin. Ohne den sich zuspitzenden Handelskonflikt seines Landes mit den USA direkt anzusprechen, sagte Li Keqiang, dass Streitigkeiten durch Gespräche gelöst werden müssten. Die Abschottung einzelner Staaten sei keine Lösung. PEKING - Vor dem Hintergrund des Handelsstreits mit den USA hat sich Chinas Premierminister Li Keqiang für die Verteidigung des globalen Freihandels ausgesprochen. (Wirtschaft, 19.09.2018 - 07:05) weiterlesen...

ANALYSE-FLASH: RBC hebt Commerzbank auf 'Outperform' und Kursziel auf 11 Euro. Das Kursziel hob Analystin Anke Reingen in einer am Mittwoch vorliegenden Studie von 9,50 auf 11 Euro an. Sie sieht nun eine 50-prozentige Übernahmewahrscheinlichkeit durch die größte deutsche Bank. Die Offerte könnte dabei bei 13 Euro je Aktie liegen. Falls die Commerzbank eigenständig bleibt, sieht sie weiter ein Kursziel von 9,50 Euro. Wegen der Übernahmefantasie erhöhte sie aber ihr Kursziel auf 11 Euro. NEW YORK - Das Analysehaus RBC hat die Commerzbank-Aktie unter anderem wegen der gestiegenen Wahrscheinlichkeit einer Übernahmeofferte durch die Deutsche Bank von "Sector Perform" auf "Outperform" hochgestuft. (Boerse, 19.09.2018 - 07:02) weiterlesen...

Verband: Mehr neue Wohnungen durch Dachaufstockungen. So ließen sich mehr als eine Million Wohnungen schaffen, wenn in dicht besiedelten Gebieten Häuser aufgestockt würden, teilte Verbandspräsident Axel Gedaschko der Deutschen Presse-Agentur mit. Länder, Kommunen und der Bund müssten aber gemeinsam die Hemmnisse verringern, darunter Vorgaben für zusätzliche Stellplätze und Kellerräume sowie die oft mangelnde Wirtschaftlichkeit. BERLIN - In den deutschen Großstädten gibt es aus Sicht des Branchenverbands GdW noch Platz für zahlreiche neue Wohnungen. (Wirtschaft, 19.09.2018 - 06:39) weiterlesen...

May fordert von EU Entgegenkommen bei Brexit-Verhandlungen. "Um zu einem guten Ergebnis zu gelangen, muss die EU jetzt, nachdem Großbritannien seine Position weiterentwickelt hat, das auch tun", schrieb sie in einem Gastbeitrag für die "Welt" (Mittwoch). Brüssel und die EU-Mitgliedstaaten müssten London in Gesprächen über ein Freihandelsabkommen genauso behandeln wie andere Drittstaaten. BERLIN - Die britische Premierministerin Theresa May hat kurz vor dem Auftakt des informellen EU-Gipfels in Salzburg Entgegenkommen der EU bei den Brexit-Verhandlungen gefordert. (Wirtschaft, 19.09.2018 - 06:33) weiterlesen...

Zensus-Urteil: Berlin und Hamburg hoffen auf mehr Geld. Das Gericht in Karlsruhe will am Mittwochmorgen entscheiden, ob die Berechnung der Einwohnerzahlen damals korrekt lief. Geklagt dagegen haben die beiden Stadtstaaten, deren Einwohnerzahl deutlich nach unten korrigiert wurde. Seither büßen sie viele Millionen Euro im Finanzausgleich ein. BERLIN/KARLSRUHE - Die Länder Berlin und Hamburg hoffen, dass sie vom Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts zur Volkszählung 2011 finanziell profitieren. (Wirtschaft, 19.09.2018 - 06:33) weiterlesen...

'Gute-Kita-Gesetz' im Kabinett - Union pocht auf Qualitätsausbau. "Die Union wird in den parlamentarischen Beratungen darauf achten, dass die Priorität nicht auf der Senkung der Kita-Gebühren liegt", sagte der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Marcus Weinberg (CDU), der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) will mit dem "Gute-Kita-Gesetz" bundesweit mehr Kita-Qualität und weniger Kita-Gebühren für Eltern erreichen. Dies will der Bund mit 5,5 Milliarden Euro bis 2022 fördern. BERLIN - Vor dem erwarteten Beschluss des "Gute-Kita-Gesetzes" im Bundeskabinett pocht die Union auf einen Ausbau der Qualität der Kitas in Deutschland. (Wirtschaft, 19.09.2018 - 06:32) weiterlesen...