Haushalt, Steuern

BERLIN - Er ist ein Problemkind, für das es auch in den kommenden Jahren keine einfachen Lösungen gibt: der Gebäudesektor.

07.12.2021 - 12:59:27

Ampel-Pläne für Gebäude stoßen auf Skepsis. Eine Klima-Dauerbaustelle, die laut Umweltbundesamt für etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich ist.

In diesem Jahr war er noch einmal besonders im Fokus: Deutschland hatte gute Neuigkeiten zu verkünden, die Treibhausgase waren 2020 im Vergleich zum Vorjahr um rund 70 Millionen Tonnen zurückgegangen. Auch im Gebäudesektor gingen sie zurück - aber nicht genug. Als einziger Sektor verpasste er sein jährliches Ziel um zwei Millionen Tonnen CO2-Äquivalente - so viel ungefähr, wie ein Tempolimit von 130 auf Autobahnen jährlich gebracht hätte, wenn es die Ampel-Parteien gewollt hätten.

Einvernehmen gibt es aber immerhin beim Ziel, die schädlichen Treibhausgase, die von Gebäuden ausgehen, in den kommenden Jahren deutlich zu senken. Über mehr finanzielle Förderung und höhere Effizienzstandards.

Bereits die nun scheidende Bundesregierung hatte im Endspurt ihrer Amtszeit noch zusätzliche 5,8 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Der Bund fördert damit etwa den Austausch von Fenstern und Türen, die Dämmung von Außenwänden und Dächern oder Biomasseheizungen und Wärmepumpen. Doch wird das reichen?

"Jeder Tag ohne Lösungen geht auf Kosten unserer CO2-Bilanz", sagt Unternehmer Max Viessmann. Er ist CEO des hessischen Anbieters von klimafreundlichen Heizungen und Kühlsystemen, Viessmann. Die Zeit dränge, sagt er. Rund 85 Prozent der Gebäude in Deutschland seien bislang nur teil- oder nicht saniert. Bei diesem Tempo müsse "man nicht lange rechnen, um zu verstehen, dass Klimaneutralität in 2045 eine Herausforderung darstellt". Mit anderen Worten: Ohne einen deutlichen Schub für nachhaltige Wärmesysteme wird es nicht gehen.

Die Autoren einer jüngsten Untersuchung von DIW Econ, dem Beratungsunternehmen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, vermissen ein "klares Konzept" der künftigen Ampel-Regierung, wie genau die private Sanierung diesen nötigen Schub bekommen soll. "In weiten Teilen ist keine Verbesserung der bisher nicht zielführenden Förder- und Anreizlandschaft zu erkennen", schlussfolgern die Experten, darunter auch die Ökonomin Claudia Kemfert. Die neuen Standards würden zudem erst ab 2024 und 2025 wirksam, kritisieren die Autoren. Dadurch würden "wichtige Jahre zur Emissionsvermeidung verschenkt und Fehlinvestitionen riskiert".

Gemeint ist etwa das im Koalitionsvertrag verankerte Ziel, dass jede ab dem 1. Januar 2025 neu eingebaute Heizung auf der Basis von 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden soll.

Die Bau-Expertin Lamia Messari-Becker warnt vor einem "indirekten Zwang zur Stromheizung". Bei den "jetzigen Strompreisen, dem Öko-Stromangebot und den kaum bezahlbaren Speichermöglichkeiten" sei dies der falsche Ansatz, sagt sie. Sie befürchte auch hohe Kosten für Verbraucher - eine weitere Baustelle der kommenden Jahre.

Darüber hinaus weist sie auf den Mangel an Fachkräften hin, die aber nötig seien, um die Solar- und Windkraftoffensive in Deutschland voranzubringen. "Lösungen mit der Gießkanne" lehnt sie daher ab. Das gelte auch für den Plan, Solardächer auf Privat-Neubauten zur Regel zu machen. Ein Photovoltaik-Dach sei "weder überall möglich, noch überall sinnvoll", mahnt die Expertin, die die Bundesregierung seit Jahren zum Bausektor berät. Hier müssten Einzelfallregelungen gelten und keine pauschalen Vorgaben.

Der Verein Architects for Future (AFF) bescheinigt SPD, Grünen und FDP fehlende Ambition. "Für die Einhaltung der Pariser Klimaziele benötigen wir einen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2035", teilt der Verein mit. Dieser "gewaltigen Aufgabe" werde der Koalitionsvertrag nicht gerecht, weil er festlege, dass bis 2030 nur die Hälfte der Wärme klimaneutral erzeugt werden soll. Viel zu wenig, sagen die Architekten des Vereins.

Klar ist: Die neue Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) hat große Baustellen vor sich. Dass Deutschland nun erstmals ein eigenes Ministerium für diese Baustellen hat, sehen auch die Kritiker erst einmal positiv. Hier gilt das, was auch sonst für die Gebäude der Zukunft gilt: Am Ende kommt es auf die Substanz an.

@ dpa.de

Weitere Meldungen

Steuerzahler-Präsident als Sachverständiger im 'Cum-Ex'-Ausschuss. Reiner Holznagel soll als Sachverständiger zu den milliardenschweren "Cum-Ex"-Aktiengeschäften der Banken zulasten der Steuerkasse aussagen. Auf der Tagesordnung der 23. Sitzung des PUA stehen unter anderem auch Vernehmungen zweier Mitarbeiter des Hamburger Finanzamts für Großunternehmen. HAMBURG - Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) der Hamburgischen Bürgerschaft zum "Cum-Ex"-Skandal wird am Freitag (ab 14.00 Uhr) der Präsident des Bundes der Steuerzahler gehört. (Wirtschaft, 21.01.2022 - 05:49) weiterlesen...

CO2-Bepreisung von fossiler Energie in Österreich beschlossen. Die CO2-Bepreisung ist Teil einer ökosozialen Steuerreform der regierenden Konservativen und der Grünen, die am Donnerstag angenommen wurde. Zum Ausgleich für die höheren Preise für Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas erhalten Steuerzahler einen sogenannten Klimabonus. Diese jährliche Zahlung von 100 bis 200 Euro ist regional gestaffelt. Menschen in ländlichen Gebieten mit schlechter Anbindung an den öffentlichen Verkehr erhalten mehr, Stadtbewohner weniger. WIEN - Österreichs Parlament hat eine Klima-Abgabe auf fossile Energieträger beschlossen. (Wirtschaft, 20.01.2022 - 14:54) weiterlesen...

Insolvenz der MV Werften könnte für Land teurer werden als P+S-Pleite. Bei der Insolvenz der P+S-Werften in Wolgast und Stralsund, die 2012 trotz umfangreicher Rettungsversuche der öffentlichen Hand angemeldet worden war, betrug der Ausfall bei Bürgschaften und Krediten für das Land 239 Millionen Euro, wie ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Schwerin am Donnerstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. SCHWERIN - Die Pleite der MV Werften könnte für das Land Mecklenburg-Vorpommern noch teurer werden als die letzte große Schiffbau-Insolvenz im Nordosten vor zehn Jahren. (Wirtschaft, 20.01.2022 - 13:38) weiterlesen...

Türkische Zentralbank tagt nach Rekordinflation zur Geldpolitik. Die Währungshüter haben den Leitzins bereits mehrmals gesenkt, zuletzt auf 14 Prozent. Sie folgten damit bislang der Linie von Präsident Recep Tayyip Erdogan, der ein Gegner hoher Zinsen ist. ANKARA - Mit Spannung wird erwartet, ob die türkische Notenbank in ihrer Sitzung am Donnerstag trotz massiver Inflation an ihrer lockeren Geldpolitik festhält. (Wirtschaft, 20.01.2022 - 05:49) weiterlesen...

Athen legt erfolgreich zehnjährige Anleihe auf - 1,8 Prozent Rendite. Das Land habe "eine zufriedenstellende Rendite erreicht, wenn man die international herrschenden Zustände bedenkt", erklärte Finanzminister Christos Staikouras. ATHEN - Griechenland hat sich am Mittwoch mit einer zehnjährigen Staatsanleihe frisches Geld in Höhe von drei Milliarden Euro beschafft. (Wirtschaft, 19.01.2022 - 16:13) weiterlesen...

IG BAU: Fehlende Wohnungen machen Deutschland zur Pendler-Republik. Millionen Beschäftigte seien zu stundenlanger Fahrerei gezwungen, erklärte Gewerkschaftschef Robert Feiger am Mittwoch mit Blick auf jüngste Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Danach verlasse jeder zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte auf dem Weg zur Arbeit sein Bundesland. Die Zahl der Fernpendler sei 2021 um 4,5 Prozent gestiegen. FRANKFURT - Teure Mieten und Hauspreise sind nach Einschätzung der IG Bauen Agrar Umwelt (IG BAU) wesentliche Gründe für ein weiteres Ansteigen der Pendlerzahlen in Deutschland. (Wirtschaft, 19.01.2022 - 09:46) weiterlesen...