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BERLIN - Bundesregierung und Behörden ziehen erste Konsequenzen aus der schnellen Ausbreitung der ansteckenderen Delta-Variante in Deutschland.

01.07.2021 - 17:54:27

Delta kommt - Geänderte Impfempfehlung und mehr Kontrollen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) passt ihre Impfempfehlung an. Menschen mit erster Dosis Astrazeneca sollen als zweite Spritze Biontech oder Moderna bekommen. Die Regierung kündigte eine Änderung für Reisende an: Portugal und Großbritannien sollen bald nicht mehr als Virusvariantengebiete gelten. An Autobahnen sollen Einreisende zudem stichprobenartig kontrolliert werden.

IMPFEMPFEHLUNG:

Wer eine erste Dosis Astrazeneca erhalten hat, soll künftig unabhängig vom Alter als zweite Spritze einen mRNA-Impfstoff bekommen, teilte die Stiko am Donnerstag mit. Die Immunantwort nach dem Verabreichen von zwei verschiedenen Präparaten sei der Antwort nach zwei Dosen Astrazeneca "deutlich überlegen". Der Abstand zwischen erster und zweiter Dosis solle dann mindestens vier Wochen betragen. Die Empfehlung gilt noch vorbehaltlich von Experten-Stellungnahmen. Angeraten hatte die Stiko so ein Impfschema bisher nur bei jüngeren Menschen mit Astrazeneca-Erstimpfung.

JEDE ZWEITE NEUINFEKTION MIT DELTA:

Nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts geht mindestens jede zweite Corona-Ansteckung in Deutschland bereits auf Delta zurück. Delta werde sich durchsetzen. "Es liegt an uns, ob Delta eine Chance hat", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Er mahnte, die bald für alle bestehende Impf-Chance zu ergreifen. "Doppelt geimpft schützt gegen Delta." Menschen ohne Impfung sollten von den "en masse" verfügbaren Test Gebrauch machen - gerade auch zurückkehrende Urlauber regelmäßig. Wegen Qualitätsunterschieden bei Schnelltests macht laut Experten vor allem ihr regelmäßiger Gebrauch Sinn.

Binnen eines Tages gab es bundesweit 892 Neuinfektionen. Bei 5,1 lag laut RKI die Sieben-Tage-Inzidenz (Vortag: 5,2 - Vorwoche: 6,6). Fachleute befürchten durch Delta eine Trendumkehr.

VORSICHT BEIM REISEN:

Großbritannien oder Portugal sollen in wenigen Tagen von ihrem Status als Virusvarianten- zum Hochinzidenzgebiet heruntergestuft werden, wenn die Delta-Anteile in Deutschland vergleichbar sind. Das wird laut Spahn bei Anteilen von voraussichtlich 70 bis 80 Prozent der Fall sein. Urlaubsreisen nach Portugal und Großbritannien werden dann wieder leichter möglich. Die derzeitige Einstufung als Virusvariantengebiet schreibt 14 Tage Quarantäne vor.

Innenminister Horst Seehofer (CSU) will stationäre Grenzkontrollen auch im Sommer nicht einführen - und Staus an den Grenzübergängen vermeiden. Die Polizeikontrollen an Flughäfen würden aber verstärkt, an Autobahnen soll es Stichproben-Kontrollen geben. "Wer einreist, muss damit rechnen, kontrolliert zu werden", sagte Seehofer. Die Gesundheitsämter kontrollieren laut Spahn die Einhaltung von Quarantäne. Das Sinken der Inzidenzen gebe ihnen dafür den Freiraum.

Spahn verteidigte die Reisepolitik der Regierung. Es könne nicht für jeden - egal ob aus Risikogebiet oder nicht - eine Testpflicht eingeführt werden. Die Regierung wolle Balance von Freiheitsrechten und Gesundheitsschutz halten. Von den Ländern seien bei der jüngsten Bund-Länder-Schalte zum Thema nur von einem Land Vorschläge für Verschärfungen gekommen. Aktuell ist kein Nachbarland Deutschlands als Risikogebiet eingestuft. Bei den Kontrollen von Autofahrern geht es auch um Reisende, die aus der Türkei oder Großbritannien kommen.

Sorgen macht sich die Regierung wegen der Fußball-EM. Seehofer kritisierte den UEFA-Kurs als "absolut verantwortungslos". Es sei bei dicht gedrängten Menschen in Stadien "vorgezeichnet, dass dies das Infektionsgeschehen befördert".

START DES IMPFNACHWEISES:

Der EU-Impfnachweis startete offiziell am Donnerstag. 200 Millionen Stück sind laut EU-Kommission bereits ausgestellt - für den Nachweis frischer Tests, Impfungen und Genesungen europaweit. Reisende können mit einem Nachweis über eine Impfung in mehreren Ländern Quarantäne vermeiden. Die Nachweise werden vielerorts auch für Besuche in Restaurants, Clubs oder Veranstaltungen benötigt. Sie sollen in der ganzen EU sowie Norwegen, der Schweiz und Island zum Einsatz kommen. Wie der breite Einsatz in der Praxis klappt, muss sich in den kommenden Tagen und Wochen zeigen.

Änderungen gab es auch im deutschen Recht. So war die Bundesnotbremse im Infektionsschutzgesetz bis zum 30. Juni befristet. Die Wirtschaft begrüßte unterdessen hat das Auslaufen der coronabedingten Homeofficepflicht am Mittwoch.

IMPFUNG FÜR ALLE IN DIESEM MONAT:

Im neuen Monat sollen alle impfwilligen Erwachsenen das Angebot einer Erstimpfung erhalten. Momentan sind 37,3 vollständig und 55,1 Prozent mit mindestens einer Impfdosis geimpft. Spahn teilte mit, allein mit den Lieferungen durch Biontech/Pfizer und Moderna könne allen erwachsenen Impfwilligen ein Angebot im Juli gemacht werden. Für Kinder und Jugendliche soll bis Ende August mindestens die erste Impfung möglich gemacht werden.

Fürs kommende Jahr sollen 204 Millionen Impfdosen verschiedener Hersteller bestellt werden, teilte Spahn mit. Reichen solle das für zwei Impfdosen pro Person und einen Sicherheitspuffer - laut einem vom "Handelsblatt" zitierten Bericht für den Schutz gegen Mutationen und für Auffrischungsimpfungen. Die Mengen seien EU-vertraglich gesichert oder als Wünsche angemeldet, so Spahn. Ohne Beteiligung Deutschlands an den Verträgen hätte die ganze EU laut Spahn weniger Sicherheit. Insgesamt rechnet das Ministerium laut "Handelsblatt" mit Kosten in Höhe von 3,9 Milliarden Euro für die Lieferungen 2022.

Innerhalb Deutschlands will Spahn auf "on demand" umstellen. Die für Impfzentren, Arztpraxen und Betriebsärzte gebrauchten Dosen würden geliefert. Die Länder wollten aber Impfstoff nicht lagern, geliefert werde nur das Bestellte. Der Rest werde durch den Bund gelagert oder dem internationalen Impfprogramm Covax gegeben.

@ dpa.de

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