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BERLIN / BRÜSSEL - Deutschlands Gasspeicher sind inzwischen zu mehr als 60 Prozent gefüllt und mindern aus Sicht von Ökonomen so die Gefahr einer Versorgungslücke im Falle eines russischen Lieferstopps.

28.06.2022 - 12:00:27

Gefahr eines Gasengpasses gesunken - Speicher füllen sich. Wie am Montagabend aus der Webseite von Europas Gasinfrastruktur-Betreiber (GIE) hervorging, waren die Speicher zu 60,26 Prozent voll. Nach Berechnungen führender Wirtschaftsforscher ist die Wahrscheinlichkeit einer Versorgungslücke im Fall eines Stopps russischer Lieferungen gegenüber April deutlich gesunken.

nach der zwischen 11. und 21. Juli geplanten Wartung der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream den Hahn nicht oder später wieder aufdreht und noch weniger Gas als bisher liefert. Deutschland bezieht einen Großteil seiner Gaslieferungen über diese Leitung. Solche Wartungen sind eigentlich üblich. Russland hatte zuletzt aber bereits die Lieferungen durch die Pipeline auf 40 Prozent verringert und dies mit Verzögerungen bei Reparaturen in Folge der Sanktionen begründet. Die Bundesregierung hält dies für vorgeschoben.

Gasspeicher gleichen Schwankungen beim Verbrauch aus. Ihre Bedeutung ist aber begrenzt. Denn selbst wenn sie komplett gefüllt wären, würden ihre Mengen nicht für die komplette Heizperiode ausreichen.

Nach Schätzung des Präsidenten der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, würden die Speicher bei einem durchschnittlichen Winter nur zweieinhalb Monate reichen, um die Nachfrage auch ohne russisches Gas zu decken. Daher sucht Deutschland nach anderen Möglichkeiten, etwa Flüssiggas-Lieferungen über schwimmende Terminals.

Die deutsche Gaswirtschaft ist skeptisch, dass noch bis Jahresende zwei Terminals an der deutschen Küste in Betrieb gehen können. "Bislang kennen wir nur von einem dieser schwimmenden LNG-Terminals mit Wilhelmshaven eine klare Umsetzungsperspektive", sagte der Vorstand des Branchenverbands Zukunft Gas, Timm Kehler, der "Bild". "Die geplanten stationären Terminals haben weiterhin keine abschließenden Investitionsentscheidungen." Um im kommenden Jahr eine Importmenge von 13 Milliarden Kubikmetern Erdgas über die Terminals zu ermöglichen, müsse beim Auf- und Ausbau der Kapazitäten Tempo gemacht werden.

Nach der Studie der Institute ergibt sich bei einem sofortigen Lieferstopp mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent im kommenden Jahr eine Gaslücke von mindestens 23,8 Terawattstunden (TWh), im sehr unwahrscheinlichen schlechtesten Fall sogar von fast 160 TWh. Durch den daraus resultierenden Produktionsausfall in der gasintensiven Industrie und ihren Abnehmern käme es zu einem Wertschöpfungsverlust von rund 46 Milliarden Euro und schlimmstenfalls von 283 Milliarden Euro. Dies entspreche 1,6 beziehungsweise 9,9 Prozent der Wirtschaftsleistung des Jahres 2021.

Die gesamtwirtschaftlichen Einbußen dürften deutlich größer ausfallen, da die unmittelbaren Effekte konjunkturell verstärkt würden, schreiben die Ökonomen. Außerdem würde Haushalten infolge höherer Energiepreise Kaufkraft entzogen. Entwarnung geben die Simulationen für Szenarien, in denen die derzeit auf 40 Prozent gedrosselten russischen Lieferungen fortgesetzt werden: "Dann droht auch bei ungünstigen Konstellationen kein Gasengpass für die Industrie."

Nach einer Studie der Wirtschaftsforschungsfirma Prognos für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft würde bei einem Stopp russischer Gaslieferungen im kommenden Halbjahr Deutschlands Wirtschaftsleistung um 12,7 Prozent einbrechen. Deutschland würde "in eine tiefe Rezession gleiten", sagte Chefvolkswirt Michael Böhmer. Aufgrund gesetzlicher Mindestmengen in Speichern und der Versorgung vorrangiger Kunden wäre der Gasbedarf der Industrie nicht einmal zur Hälfte gedeckt.

Aus Sicht des Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW ist die Energieversorgung Deutschlands im internationalen Vergleich besonders anfällig - sowohl für steigende Preise als auch für Lieferengpässe. Das ZEW kommt in der Analyse zu dem Schluss, dass die Bundesrepublik bei der Stromversorgung gemeinsam mit den Niederlanden zu einer "Hochpreisinsel" wird. Was die Anfälligkeit für ausbleibende Lieferungen betrifft, ist Deutschland demnach gemeinsam mit Italien besonders verwundbar.

@ dpa.de

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