Russland, Ukraine

Ein halbes Jahr des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat die Welt verändert - auch Deutschland leidet unter einer drastischen Energiekrise.

23.08.2022 - 15:42:23

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage am Abend. Ein Ende ist nicht in Sicht.

  • Menschen besuchen das Zentrum von Kiew, wo zerstörte russische Panzer ausgestellt sind. - Foto: kyodo/dpa

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  • Sechs Monate nach Beginn der russischen Invasion zelebriert die Ukraine ihren Nationalfeiertag - so wie hier in den Straßen von Kiew. - Foto: Sergei Chuzavkov/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa

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  • Eine Ukrainerin mit der Nationalfahne neben zerstörten russischen Militärfahrzeugen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. - Foto: kyodo/dpa

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Menschen besuchen das Zentrum von Kiew, wo zerstörte russische Panzer ausgestellt sind. - Foto: kyodo/dpaSechs Monate nach Beginn der russischen Invasion zelebriert die Ukraine ihren Nationalfeiertag - so wie hier in den Straßen von Kiew. - Foto: Sergei Chuzavkov/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpaEine Ukrainerin mit der Nationalfahne neben zerstörten russischen Militärfahrzeugen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. - Foto: kyodo/dpa

Sechs Monate nach dem russischen Angriff auf die Ukraine geben sich beide Seiten siegesgewiss - trotz Tausender Toter, trotz der Verwüstungen und eines weitgehenden militärischen Patts an der Front.

Zum Unabhängigkeitstag der Ukraine bekräftigte Präsident Wolodymyr Selenskyj, alle von Russland besetzten Gebiete würden zurückgeholt. Die USA kündigten weitere Waffenhilfe für Kiew im Wert von drei Milliarden Euro an. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz betonte in einer Videobotschaft erneut die Unterstützung für die Ukraine. Zugleich ächzt die Welt unter den Folgen des Kriegs.

Russland hatte die Ukraine am 24. Februar angegriffen und hält inzwischen rund ein Fünftel des Landes besetzt. Mehr als 80.000 russische Soldaten sollen getötet oder verwundet worden oder desertiert sein - die Zahl nannte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace in der BBC. Die Ukraine sprach zuletzt von 9000 getöteten Soldaten in den eigenen Reihen, doch Beobachter gehen auch hier von höheren Zahlen aus. Generell sind viele Aussagen der Kriegsparteien kaum unabhängig zu überprüfen.

Russland verteidigt Angriff auf die Ukraine

Moskaus Verteidigungsminister Sergej Schoigu bekräftigte die Rechtfertigungen des russischen Angriffs. Die Ukraine habe den Minsker Friedensplan für die Gebiete im Donbass abgelehnt, sagte Schoigu laut Agentur Interfax in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Deshalb «ging reale Gefahr für die Menschen im Donbass aus, und in der Perspektive für die Russische Föderation», sagte er.

Die sogenannte Militäroperation läuft laut Moskau nach Plan. «Alle Ziele werden erreicht», sagte Schoigu. Internationale Beobachter vermerken, dass die russischen Truppen nur schleppend vorankommen. Schoigu erklärte indes, das Tempo der Angriffe sei bewusst verlangsamt worden, um Opfer unter Zivilisten zu vermeiden. Er reagierte damit auf den Vorwurf, Kriegsverbrechen zu begehen. Zudem geißelte Schoigu erneut die Militärhilfe des Westens für Kiew. Dies erhöht aus seiner Sicht die Opferzahl und verlängert den Konflikt.

«Wir werden kämpfen bis zum Schluss»

Der ukrainische Präsident Selenskyj hielt in einem emotionalen Videoclip dagegen - zum 31. Jahrestag der Unabhängigkeit seines Landes inszeniert mit Kriegstrophäen im Kiewer Zentrum. «Wir werden kämpfen bis zum Schluss», sagte der 44-Jährige. Er schloss Zugeständnisse und Kompromisse gegenüber den russischen Angreifern aus. Russische Soldaten bezeichnete er als «Mörder, Vergewaltiger und Plünderer». Der Krieg habe die Ukraine geeint. Er würdigte alle, die für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpften. Auch Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sagte in einer Videobotschaft: «Wir werden alles überstehen, egal, wie schwer es ist. Wir werden siegen!»

Selenskyj vor Sicherheitsrat: Welt braucht unsere Unabhängigkeit

Selenskyj hat vor dem UN-Sicherheitsrat die globale Bedeutung des Abwehrkampfes seines Landes gegen die russische Invasion hervorgehoben. «Heute feiert unser Land den Unabhängigkeitstag und jetzt kann jeder sehen, wie sehr die Welt von unserer Unabhängigkeit abhängig ist», sagte Selenskyj per Video bei einer Sicherheitsratssitzung zu dem Krieg, der ein halbes Jahr andauert. Zuvor war Russland mit dem Versuch gescheitert, eine Ansprache Selenskyjs zu verhindern.

Wenn Russland jetzt nicht aufgehalten werde, «werden russische Mörder wahrscheinlich in anderen Ländern landen - in Europa, Asien, Afrika, Lateinamerika», sagte Selenskyj weiter. «Russland muss für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine zur Rechenschaft gezogen werden». Vor genau sechs Monaten begann Russland die Invasion - anlässlich dessen traf sich auch der Sicherheitsrat. Gleichzeitig ist am Mittwoch ebenfalls der ukrainische Unabhängigkeitstag.

Guterres zum Krieg: Kein Ende in Sicht

UN-Generalsekretär António Guterres hat keine Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges in der Ukraine. «Trotz Fortschritten an der humanitären Front gibt es keine Anzeichen für ein Ende der Kämpfe in der Ukraine - und es gibt neue Gebiete für eine potenzielle gefährliche Eskalation», sagte Guterres. Bezüglich des umkämpften Atomkraftwerks Saporischschja mahnte der UN-Chef erneut eine internationale Experten-Mission an, für die es trotz offizieller Unterstützung der Kriegsparteien noch kein grünes Licht gibt. «Die Warnleuchten blinken», so Guterres.

Mehr mehr als 50 Länder - darunter die USA, alle EU-Staaten und Großbritannien - verurteilen den Angriffskrieg. «Wir fordern die Russische Föderation auf, ihre völlige Missachtung ihrer völkerrechtlichen Verpflichtungen, einschließlich der Charta der Vereinten Nationen, des humanitären Völkerrechts und der internationalen Menschenrechtsgesetze, zu beenden», sagte der ukrainische UN-Botschafter Serhij Kislizia in New York im Namen der beteiligten Staaten.

Auch Papst Franziskus fordert ein Ende des Kriegs. «Ich hoffe, dass konkrete Schritte unternommen werden, um dem Krieg ein Ende zu setzen und das Risiko einer nuklearen Katastrophe in Saporischschja abzuwehren», sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche. Gemeint ist das von Russen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja. Dort wird gekämpft. Die Vereinten Nationen versuchen, eine Inspektion durchzusetzen - bisher aber vergeblich.

Waffen aus Deutschland und den USA

Bundeskanzler Scholz hatte erst am Dienstag ein weiteres Rüstungspaket im Umfang von 500 Millionen Euro angekündigt, darunter drei weitere Flugabwehrsysteme des Typs Iris-T, ein Dutzend Bergepanzer und 20 auf Pick-ups montierte Raketenwerfer erhalten. Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow verlangte in der ARD erneut mehr und rief Deutschland auf, die Lieferung von Leopard-Panzern aus anderen Ländern zu genehmigen. Nötig sei «mehr als nur Freundschaft und Lippenbekenntnisse». Eine diplomatische Lösung schließt Resnikow zurzeit aus: «Das Ziel von Verhandlungen ist ein Traum unserer Partner. Im Moment ist das kein Traum der Ukraine.»

Die US-Regierung legte ihrerseits weitere Militärhilfen für drei Milliarden Dollar (rund drei Milliarden Euro) nach. «Damit kann die Ukraine Luftabwehrsysteme, Artilleriesysteme und Munition, unbemannte Luftabwehrsysteme und Radare erwerben, um sich langfristig verteidigen zu können», erklärte Präsident Joe Biden. Die USA seien entschlossen, das ukrainische Volk im Kampf um die Verteidigung seiner Souveränität zu unterstützen. Die USA haben insgesamt schon gewaltige Summen für die Ukraine locker gemacht. Im Mai hatte der US-Kongress fast 40 Milliarden Dollar gebilligt, etwa die Hälfte für Verteidigung.

Auch Großbritannien sagt der Ukraine weitere militärische Hilfen im Wert von 54 Millionen Pfund (64 Millionen Euro) an. Darunter seien 2000 modernste Drohnen, 850 Mikro-Drohnen vom Typ «Black Hornet» zur Aufklärung und Lenkwaffen. Das sagt der britische Premierminister Boris Johnson bei seinem überraschenden Besuch in Kiew.

@ dpa.de

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