Ukraine-Krieg, Gegenoffensive

Die Gegenoffensive im Osten der Ukraine setzt die russischen Truppen weiter unter Druck.

12.09.2022 - 14:34:55

Selenskyj zu Gegenoffensive: Werden nicht stillstehen. London spricht von «erheblichen Folgen» für die Einsatzplanung der Russen. Der Kreml gibt sich unbeirrt.

  • Die ukrainische Gegenoffensive setzt Russland im Osten der Ukraine unter Druck. - Foto: Leo Correa/AP/dpa/Archiv

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  • Ein russischer Panzer wurde bei einem Gefecht in einem gerade befreiten Gebiet in der Region Charkiw beschädigt. - Foto: Uncredited/AP/dpa

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Die ukrainische Gegenoffensive setzt Russland im Osten der Ukraine unter Druck. - Foto: Leo Correa/AP/dpa/ArchivEin russischer Panzer wurde bei einem Gefecht in einem gerade befreiten Gebiet in der Region Charkiw beschädigt. - Foto: Uncredited/AP/dpa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj möchte die militärische Offensive gegen russische Truppen fortsetzen. «Unser Ziel besteht darin, unser gesamtes Gebiet zurückzuerobern. Die Rückeroberung ist das Hauptziel», sagte Selenskyj dem US-Nachrichtensender CNN in einem am Sonntag (Ortszeit) ausgestrahlten Interview. Die Ukraine könne nicht zulassen, dass Russland die gleiche Besetzung fortsetze, die es 2014 begonnen habe.

Zunächst stellten die Russen Bedingungen auf, erklärte Selenskyj weiter. Entweder lasse man sich darauf ein oder die Russen setzten ihren Einmarsch fort. «Das ist deren Strategie.» Das Vorgehen nannte Selenskyj «russischen Kannibalismus»: «Sie werden dich aufessen, häppchenweise, Stück für Stück.» Darauf wolle er sich nicht weiter einlassen. «Ich will dieses Spiel nicht spielen. Ich mag das nicht», so Selenskyj. Man werde nicht stillstehen. Mit der Gegenoffensive werde man sich «langsam und schrittweise weiter nach vorne bewegen.»

Selenskyj: Zurzeit keine Verhandlungen mit Russland

Auf die Frage, ob er mit Russland in Verhandlungen treten wolle, antwortete der Präsident: «Zurzeit nicht. Ich sehe auf ihrer Seite keine Bereitschaft, konstruktiv zu sein.» Nach einem Rückzug der russischen Truppen könne das Gespräch jedoch beginnen.

Wohl als Reaktion auf die Aussagen von Selenskyj drohte der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew der Ukraine damit, dass Russland eine bedingungslose Kapitulation verlangen wird, falls die Führung in Kiew die derzeitigen Bedingungen für Verhandlungen nicht annimmt. «Die jetzigen «Ultimaten» sind ein Kinderspiel im Vergleich zu den Forderungen in der Zukunft (...): der totalen Kapitulation des Kiewer Regimes zu Russlands Bedingungen», schrieb Medwedew am Montag auf seinem Telegram-Kanal.

Kiew meldet Einnahme von mehr als 20 Orten

Der Vormarsch der ukrainischen Armee im Osten des Landes geht nach Angaben aus Kiew derweil weiter. «Die Befreiung von Ortschaften unter russischer Besatzung in den Gebieten Charkiw und Donezk setzt sich fort», teilte der ukrainische Generalstab am Montag in seinem Lagebericht mit.

Insgesamt seien mehr als 20 Ortschaften innerhalb der letzten 24 Stunden zurückerobert worden. So hätten die russischen Truppen nun auch Welykyj Burluk und Dworitschna verlassen. Beide Ortschaften liegen im Norden des Gebiets Charkiw.

Unter dem Druck ukrainischer Gegenoffensiven hatte Russlands Verteidigungsministerium am Wochenende mehr als ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn den Abzug eigener Truppen aus der Region Charkiw bekanntgegeben. Offiziell begründet wurde der Rückzug mit einer strategischen «Umgruppierung» der Einheiten.

London: Russen in Ukraine müssen sich auf Abwehr konzentrieren

Die russischen Truppen in der Ukraine müssen sich nach Einschätzung britischer Experten nun größtenteils auf die Abwehr der ukrainischen Gegenoffensive konzentrieren. Das geht aus dem täglichen Geheimdienst-Update des Verteidigungsministeriums in London am Montag hervor. Die raschen Erfolge der ukrainischen Verteidiger hätten «erhebliche Folgen» für die allgemeine Einsatzplanung der Russen. «Das bereits eingeschränkte Vertrauen, das die eingesetzten Truppen in die russische Militärführung haben, dürfte wahrscheinlich weiter schwinden», hieß es in der Mitteilung auf Twitter.

Nach dem Rückzug der Russen aus dem gesamten Gebiet Charkiw westlich des Flusses Oskil seien dort nur noch einzelne «Nester des Widerstands» übrig, so die Einschätzung der Briten. «Seit Mittwoch hat die Ukraine ein Gebiet von mindestens der doppelten Größe des Großraums Londons zurückerobert.»

Im Süden, nahe Cherson, habe Russland Schwierigkeiten, genug Nachschub über den Fluss Dnipro an die Front zu bringen. Eine improvisierte schwimmende Brücke, mit deren Bau vor zwei Wochen begonnen wurde, sei noch immer unvollendet. «Die ukrainische Langstrecken-Artillerie trifft jetzt vermutlich Übergänge des Dnipro so häufig, dass Russland keine Reparaturen an den Straßenbrücken vornehmen kann», so die Mitteilung weiter.

Kreml bekräftigt Fortsetzung von Krieg gegen Ukraine

Ungeachtet der jüngsten Misserfolge will Russland seinen Krieg weiterführen. «Die militärische Spezial-Operation wird fortgesetzt», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. «Sie wird fortgesetzt, bis die anfangs gesetzten Ziele erreicht sind», fügte er hinzu. Peskow antwortete damit nur ausweichend auf die Frage von Journalisten, ob Russlands Militärführung noch immer das Vertrauen von Kremlchef Wladimir Putin genieße.

Auf die Frage, wie Putin auf die Nachricht vom Abzug der eigenen Truppen aus dem Gebiet Charkiw reagiert habe, sagte Peskow lediglich, Russlands Präsident werde über alle militärischen Entwicklungen informiert. Zu Moskaus Kriegszielen zählt etwa die vollständige Eroberung der ostukrainischen Gebiete Luhansk und Donezk.

Selenskyj verkündet Einnahme von Isjum

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Sonntagabend auch die Einnahme der früher umkämpften strategisch wichtigen Stadt Isjum verkündet. Aus der Kleinstadt 140 Kilometer südöstlich von Charkiw tauchten Videos mit ukrainischen Soldaten auf, die dort die Landesflagge hissten.

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs haben russische Truppen auch die Kleinstadt Swatowe im Gebiet Luhansk verlassen. Dort seien nur noch die Milizen der Separatisten im Einsatz, heißt es im Lagebericht. Unabhängig lassen sich diese Angaben nicht überprüfen.

@ dpa.de