Algerien, Russland

Beim ersten Treffen der Arabischen Liga seit langem hätte Algerien gerne Russlands Verbündeten Syrien wieder begrüßt.

02.11.2022 - 18:49:20

Russlands Krieg - Wo die Länder des Nahen Ostens stehen. Doch das stößt auf Widerstand.

Die arabische Welt hält sich bislang mit Kritik an Russland und dem Angriffskrieg gegen die Ukraine zurück. Die 22 Mitgliedstaaten der Arabischen Liga plädieren im Ukraine-Krieg zwar für einen Verzicht auf Gewalt und eine politische Lösung, wie sie auf einem Gipfel am Mittwoch mitteilten. Die Länder wollen aber in dem Konflikt neutral bleiben, wie es in einer Abschlusserklärung hieß.

Doch ein Streit innerhalb der Organisation offenbart, dass die Einstellung zu Russland nicht zwangsläufig bei allen Mitgliedern wirklich so neutral ist. Gastgeber Algerien hatte im Vorfeld des Treffens der arabischen Staats- und Regierungschefs, das erstmals seit dreieinhalb Jahren wieder zustande kam, gefordert, Moskaus Verbündeten Syrien wieder aufzunehmen. Doch die Initiative scheiterte am Widerstand einiger Länder.

«Das ist ein Schlag gegen die diplomatische Strategie Russlands, das beträchtliche Ressourcen investiert hat, um zu beweisen, dass es ein zuverlässiger Partner für die arabischen Länder ist», schreibt etwa der französische Experte Pierre Boussel in einem Artikel der US-Denkfabrik Carnegie. Der Krieg in der Ukraine habe «gezeigt, dass Moskau nicht der Verbündete ist, für den es sich ausgibt.»

Syrien muss wegen Bürgerkrieg pausieren

Die Arabische Liga hatte Syriens Mitgliedschaft vor elf Jahren wegen seines brutalen Bürgerkriegs ausgesetzt. Die Wiederaufnahme war ein ausdrücklicher Wunsch von Syriens Schutzmacht Russland. Katar, Ägypten und Saudi-Arabien waren dagegen. Riad begründete sein Veto damit, dass ein von der Liga erarbeiteter Plan zur Beendigung des Kriegs in Syrien nicht umgesetzt worden sei.

Dass Kronprinz Mohammed bin Salman dem Gipfel in Algier fernblieb, deuteten einige Beobachter jedoch als Drücken vor der Auseinandersetzung mit den wahren Gründen. Offiziellen Angaben zufolge rieten Ärzte dem faktischen Herrscher des Golfstaats von der Teilnahme ab.

Saudi-Arabiens Haltung undurchsichtig

Riads Einstellung zu Russland ist indes schwer durchschaubar. Das Königreich stimmte etwa einer Förderkürzung für Öl zu. Die USA werteten den Schritt als Unterstützung des russischen Angriffskriegs, da Saudi-Arabien und Russland als die führenden Kräfte im Ölkartell Opec+ gelten. Riad beteuerte, die Gründe für den Beschluss seien «rein wirtschaftlich». Vor zwei Wochen sicherte der Golfstaat der Ukraine dann humanitäre Hilfe in Millionenhöhe zu. Bei einer UN-Vollversammlung stimmte das Königreich - wie übrigens fast alle anderen arabischen Länder auch - für eine Resolution, die die völkerrechtswidrigen Annexionen Russlands in der Ukraine verurteilt.

Einzig Syriens Regierung, die dank Moskaus Hilfe im Bürgerkrieg wieder rund zwei Drittel des Landes beherrscht, stimmte dagegen.

Der Islam-Experte Boussel sieht die Beziehungen zwischen Moskau und dem Nahen Osten vor allem auch wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs belastet. Die Ukraine ist etwa für viele arabische Länder der wichtigste Lieferant für Getreide. «Diese Volkswirtschaften waren noch nie so geschwächt», sagte er. Millionen Menschen könnte nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) Hunger drohen.

Konflikte mit anderen Großmächten vermeiden

Dass sich die USA mehr und mehr aus der Region zurückziehen, bestärkt viele arabische Länder aber in ihrer Zurückhaltung. Sie wollen Konflikte mit anderen Großmächten und damit weitere wirtschaftliche Verwerfungen vermeiden. Namentlich genannt wurde Russlands Präsident Wladimir Putin in der Erklärung des Gipfels etwa nicht. Für die arabischen Bevölkerungen sind zudem die Kriege im Jemen, Syrien und Libyen viel näher dran.

Russlands Einsatz iranischer Kampfdrohnen in der Ukraine dürfte aber vor allem die Golfstaaten beunruhigen, die im Iran eine existenzielle Bedrohung sehen. Die USA fürchten derzeit zudem iranische Angriffe auf Saudi-Arabiens Territorium. Die wachsende militärische Zusammenarbeit zwischen Moskau und Teheran könnte die Golfmonarchie deshalb womöglich bald zu einer klareren Haltung zwingen.

@ dpa.de