Zuhörer - (Feature) Konzert in Leipziger Bordell - Zeitgenössische Musik zwischen Striptease-Stangen - Erotischer Tanz unter Trommelwirbel --Von den ddp-Korrespondentinnen Nora Gohlke und Verena Frick-- (Mit Bild und Hintergrund): Musikalisch werden die rund 60 Zuhörer mit der «Zuhälterballade» aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper auf den Ort des Geschehens eingestimmt Sängerin Daniela Zanger trägt ein bodenlanges blutrotes Kleid Lasziv bewegt sie sich auf dem schmalen Laufsteg, der sich durch den Raum zieht An den Stangen lassen normalerweise Stripperinnen die Hüften zu dröhnenden Techno-Bässen kreisen «Wir versuchen, den Ort nicht zu verändern, sondern so zu zeigen, wie er ist», erklärt Heyde. Junge Frauen in knappen Kleidern und mit tiefen Dekolletés reichen am Eingang zu einer schummrigen Lounge ein Glas Sekt. Auf halsbrecherischen Absätzen huschen sie zwischen den dunkelroten Samtsofas hin und her, immer um das Wohl ihrer Gäste bemüht. Die Gesichter halten sie an diesem Freitagabend hinter weißen Masken verborgen. «Herzlich willkommen an einem Ort, an dem sie wahrscheinlich noch nie waren - und wenn, sie es nie zugeben würden», begrüßte Thomas Heyde, künstlerischer Leiter des Forums Zeitgenössischer Musik Leipzig (FZML), das Publikum. Das Forum veranstaltet seit 2005 Konzerte an ungewöhnlichen Orten - diesmal in der Striptease-Bar des Leipziger Eros Centers, einem Bordell.
Vergrößern Zuhörer - (Feature) Konzert in Leipziger Bordell - Zeitgenössische Musik zwischen Striptease-Stangen - Erotischer Tanz unter Trommelwirbel --Von den ddp-Korrespondentinnen Nora Gohlke und Verena Frick-- (Mit Bild und Hintergrund) | Bild: © ad-hoc-news
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Musikalisch werden die rund 60 Zuhörer mit der «Zuhälterballade» aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper auf den Ort des Geschehens eingestimmt. Sängerin Daniela Zanger trägt ein bodenlanges blutrotes Kleid. Lasziv bewegt sie sich auf dem schmalen Laufsteg, der sich durch den Raum zieht. An den Stangen lassen normalerweise Stripperinnen die Hüften zu dröhnenden Techno-Bässen kreisen. «Wir versuchen, den Ort nicht zu verändern, sondern so zu zeigen, wie er ist», erklärt Heyde. Das müsse das Publikum aushalten.

Und zu dem Ort gehören Erotik und nackte Haut. Beim «Rhythm strip» der beiden Schlagzeuger des MDR Symphonie Orchesters streifen zwei spärlich bekleidete Frauen durch das Publikum. Eine scheinbar zufällige Berührung hier, ein Flüstern ins Ohr eines männlichen Zuhörers da, und dann steigen sie zu den Musikern auf die Bühne. Die Tänzerinnen fordern die Künstler heraus, lassen ihre Oberteile auf die Instrumente fallen. Die Musik reagiert ihrerseits mit ekstatischem Trommelwirbel.

«Ungewohnt», aber «interessant» nennen die beiden Tänzerinnen Csilla und Greta den Auftritt hinterher. «Das Publikum stand diesmal nicht so sehr wie sonst im Vordergrund», sagt Csilla. Als sie die Trommel-Musik zum ersten Mal hörte, war die 31-Jährige erschrocken. «Ein richtiger Rhythmus fehlt, um richtig locker zu werden», pflichtet auch Greta ihrer Kollegin bei. Ungewohnt war die Situation auch für die Musiker. «Ein wenig» hätten ihn die Tänzerinnen bei den Proben schon abgelenkt, gestand Fagottist Kristian Petkov lächelnd.

Das Stück «Wellen vom Untergrund» von Thomas Heyde, der auch komponiert, empfand einen Liebesakt vom Vorspiel bis zum Höhepunkt nach. Mit extremen sexuellen Vorlieben beschäftigten sich die «Liderlichen Lieder» von Gottfried von Einem: Ein Sodomist, der in einen Maikäfer vernarrt ist, ein Transvestit, der als grauer Buchhalter sein Geheimnis verdeckt, und ein Fetischist, der nicht von einem roten Damenschuh lassen kann, entführten auf humorige Weise in die Welt der sexuellen Fantasien.

Die Künstler gingen pragmatisch an das Thema heran. Das Bordellkonzert ist Teil der Reihe FreiZeitArbeit. Dabei treten die Musiker an Orten auf, an denen Menschen ihre Arbeits- und Freizeit verbringen. Tabuzonen gibt es Heyde zufolge nicht. «Wir können uns nur auf der Ebene der Musik mit dem Thema auseinandersetzen. Den Rest muss das Publikum selbst machen», sagt er. Den Vorwurf des «Sex sells» will er sich für das Bordellkonzert nicht gefallen lassen. Die Aufregung, die in der Öffentlichkeit darum gemacht wurde, zeige nur, dass manche Orte immer noch tabuisiert würden. Auch darauf wolle man hinweisen.

ddp/nog/pon