Regierungen, Spanien

Madrid erhöht den Druck auf Katalonien - Brüssel fordert Dialog

06.10.2017 - 22:19:11

MADRID/BARCELONA - Die spanische Regierung erhöht im Katalonien-Konflikt den wirtschaftlichen Druck auf die nach Unabhängigkeit strebende Region. Am Freitag verabschiedete sie in Madrid ein Dekret, das Firmen und Banken den Weggang aus Katalonien erleichtert. Spanische Medien sprachen von einer "salida exprés" - einem Weggang im Eilverfahren. Demnach reicht für einen Ortswechsel künftig eine Entscheidung des Aufsichtsrats - eine Gesellschafterversammlung muss nicht mehr einberufen werden.

"Es ist nicht die Schuld der Unternehmen, wenn eine unverantwortliche Politik Unsicherheit und Unruhe verbreitet", sagte der spanische Wirtschaftsminister Luis de Guindos am Nachmittag vor Journalisten. Die Entscheidung wurde angesichts der drohenden Unabhängigkeitserklärung der Region gefällt.

Wenige Stunden später kündigte der Energieriese Gas Natural Fenosa an, seinen traditionellen Hauptsitz in Barcelona aufzugeben und nach Madrid umzuziehen. Kurz darauf erklärte die Großbank La Caixa - der größte Geldgeber der Region -, sie werde nach Valencia ziehen. Bereits am Donnerstag hatte die fünftgrößte Bank des Landes, Banco Sabadell, ihren Umzug nach Alicante bekannt gemacht.

Es wird erwartet, dass dank des Dekrets schnell weitere Geldhäuser und Firmen folgen könnten. Auch Freixenet, einer der größten Cava-Produzenten Spaniens, könnte Katalonien den Rücken kehren.

"Wenn es wirklich zu einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung kommen sollte, dann werden viele Firmen aus Katalonien abziehen, was großen Schaden anrichten wird", zitierte die Zeitung "La Vanguardia" Freixenet-Chef José Luis Bonet. Eine Abspaltung sei "kein Scherz", sondern "eine echte Katastrophe".

Die Katalanen hatten sich am Sonntag bei einem umstrittenen und von der Justiz untersagten Referendum mit deutlicher Mehrheit für eine Abspaltung der bisher wirtschaftsstarken Region von Spanien ausgesprochen. Die Regierung in Madrid unter Führung von Mariano Rajoy hatte wochenlang mit allen Mitteln versucht, die Volksabstimmung zu verhindern. Bislang lehnt sie jeden Dialog mit der Regionalregierung ab.

Eine für Montag angesetzte Parlamentssitzung, bei der die Unabhängigkeit Kataloniens erklärt werden sollte, wurde am Donnerstag vom Verfassungsgericht verboten. Am Freitag wurde die Sitzung dann abgesagt, teilte die Sprecherin der marxistischen katalanischen Partei CUP, Nuria Gibert, mit. Die CUP ist eine der radikalsten Verfechter der Unabhängigkeit.

Der Chef der "Generalitat" (Regionalregierung), Carles Puigdemont, hatte zuvor schon angekündigt, er werde am Dienstag vor dem Parlament in Barcelona Stellung zur "aktuellen politischen Lage" beziehen. Ob er dabei die Unabhängigkeit ausrufen oder lediglich das weitere Vorgehen seiner Regierung vorstellen will, wurde nicht bekannt.

Die Generalitat gab am Freitag das Endergebnis der Volksabstimmung bekannt. Es weicht kaum von dem Resultat ab, das Stunden nach Schließung der Wahllokale verkündet worden war: Nach Auszählung aller Stimmen hätten sich 90,18 Prozent der Wähler für die Abspaltung der Region von Spanien ausgesprochen, hieß es. Knapp 2,29 Millionen der 5,3 Millionen Wahlberechtigten seien zu den Urnen gegangen - dies entspricht einer Wahlbeteiligung von 43 Prozent.

Die EU-Kommission drängte Madrid und Barcelona, schnell miteinander ins Gespräch zu kommen. "Wir wollen, dass dies rasch passiert", sagte ein Sprecher in Brüssel. Er blieb aber bei der Haltung der Kommission, sich nicht als Vermittler einzumischen. Die Behörde sieht den Konflikt als innere Angelegenheit Spaniens.

Einen kleinen Schritt der Annäherung machte der Vertreter der spanischen Regierung in Katalonien, Enric Millo. Fünf Tage nach der von Polizeigewalt überschatteten Abstimmung entschuldigte er sich als erster Vertreter der Zentralregierung bei den knapp 900 Verletzten. Gleichzeitig gab er der Regionalregierung die Schuld an den Vorfällen, weil diese die Bürger zu den Wahllokalen geschickt habe, obwohl die Abstimmung von der Justiz verboten worden war.

Die Ratingagentur Fitch bereitete indes den Finanzmarkt auf eine weitere Herabstufung der Kreditwürdigkeit Kataloniens vor, die mit "BB" sowieso schon als gering eingestuft wird. Das Rating wurde auf "Watch Negative" gesetzt. Zuvor hatte sich bereits die Agentur Standard & Poor's ähnlich geäußert.

@ dpa.de

Weitere Meldungen

Potenzielle Jamaika-Partner beraten in zweiter Runde Finanzen. Es gebe nichts Neues, sagte FDP-Chef Christian Lindner am Freitagabend in Berlin. In der nächsten Woche sollen nun die Schwerpunktthemen Haushalt, Steuern, Finanzen und Europa angegangen werden, wie CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagte. Danach komme Klima, Umwelt, Energie, Bildung, Forschung und Digitales sowie das "große Thema" Flucht, Migration und Integration. BERLIN - In konstruktiver Atmosphäre, aber erwartungsgemäß ohne nennenswerte Fortschritte ist die erste Sondierungsrunde von CDU, CSU, FDP und Grünen zu Ende gegangen. (Wirtschaft, 20.10.2017 - 22:21) weiterlesen...

Madrid will Katalonien-Krise beilegen - König findet deutliche Worte. Politiker der sozialdemokratischen PSOE und der liberalen Partei Ciudadanos nannten am Freitag Ende Januar als möglichen Wahltermin. Ministerpräsident Mariano Rajoy sagte, er habe bei der Wahl der für Katalonien geplanten Zwangsmaßnahmen eng mit diesen Parteien zusammengearbeitet. Am Samstag will der Ministerrat die Maßnahmen absegnen. In Barcelona ist eine Separatisten-Kundgebung geplant. MADRID/BARCELONA - Im Streit zwischen der Zentralregierung Spaniens und der nach Unabhängigkeit strebenden Region Katalonien zeichnet sich eine Neuwahl des Regionalparlaments in Barcelona ab. (Wirtschaft, 20.10.2017 - 21:12) weiterlesen...

König Felipe weist Trennungspläne Kataloniens als inakzeptabel zurück. hat die Bestrebungen der Region Katalonien zur Loslösung von Spanien als "inakzeptabel" bezeichnet. Den Konflikt werde Spanien aber mit Hilfe "seiner rechtmäßigen demokratischen Institutionen lösen", sagte der spanische Monarch am Freitagabend im nordspanischen Oviedo. Bei der Zeremonie zur Verleihung der renommierten Prinzessin-von-Asturien-Preise versicherte er, Katalonien sei ein Teil des Spaniens des 21. Jahrhunderts und werde es auch in Zukunft bleiben. OVIEDO - König Felipe VI. (Wirtschaft, 20.10.2017 - 20:32) weiterlesen...

Klimaschützer demonstrieren zu Jamaika-Gesprächen für Kohleausstieg. "Klima schützen, Kohle stoppen", forderten einige Demonstranten von Greenpeace, Oxfam und BUND am Freitag vor der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin, wo sich mehr als 50 Politiker trafen. BERLIN - Zum Start der ersten gemeinsamen Sondierungsrunde von Union, FDP und Grünen haben Klimaschützer einen Ausstieg aus der Stromgewinnung aus Kohle gefordert. (Boerse, 20.10.2017 - 18:14) weiterlesen...

Immer mehr Firmen verlegen ihren Sitz aus Katalonien. Diese Zahl nannte am Freitag die Handelsregisterstelle in Madrid. Einen Rekord gab es allein am Donnerstag mit 268 Firmensitzverlegungen. Ein tatsächlicher Umzug ist damit aber meist nicht verbunden. Im Fall einer Unabhängigkeit von Katalonien könnten sich die Unternehmen mit einem rechtlichen Sitz an anderen Orten aber weiter nach spanischen Bestimmungen richten. MADRID - Seit der Zuspitzung der Katalonien-Krise Anfang Oktober haben 1185 Unternehmen ihren rechtlichen Sitz in andere spanische Regionen verlegt. (Wirtschaft, 20.10.2017 - 17:50) weiterlesen...

Länder-Chefs wollen ARD und ZDF im Internet mehr erlauben (Boerse, 20.10.2017 - 17:27) weiterlesen...