Regierungen, Indien

BERLIN / NEU DELHI - Die deutsche Wirtschaft hat von Indien weitere Reformen und eine stärkere Marktöffnung verlangt.

29.05.2017 - 19:38:24

Wirtschaft pocht auf weitere Reformen in Indien - Modi bei Merkel. "Mangelnde Rechtssicherheit, eine schwerfällige Verwaltung und fehlende Infrastruktur" machten Unternehmen Investitionen in dem Land sehr schwer, sagte der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (APA), Hubert Lienhard, am Montag vor den vierten deutsch-indischen Regierungskonsultationen in Berlin. Dies gelte besonders für kleine und mittelständische Firmen.

Zur Vorbereitung des Regierungstreffens an diesem Dienstag empfing Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den indischen Premierminister Narendra Modi am Montagabend im Regierungs-Gästehaus Schloss Meseberg nördlich von Berlin. Bei dem Treffen beider Regierungen soll es um eine Vertiefung der Zusammenarbeit in den Bereichen Wirschaft, Wissenschaft, Technologie, Klimapolitik und Entwicklungszusammenarbeit gehen. Auch der Anfang Juli anstehende G20-Gipfel der führenden Industrie- und Schwellenländern dürfte zur Sprache kommen.

Lienhard sagte vor einem deutsch-indischen Wirtschaftsforum mit Merkel und Modi am Dienstagnachmittag: "Mit Blick auf Zölle und weitere Handelshemmnisse muss Indien sich stärker öffnen, damit unsere Unternehmen ihr Engagement im Land ausbauen." Die Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien müssten schnell wieder aufgenommen werden.

Nach einer aktuellen Studie würde die deutsche Wirtschaft von solch einem Freihandelsabkommen kräftig profitieren. Deutschland könne in diesem Fall mit einem um jährlich 4,6 Milliarden Euro höheren Bruttoinlandsprodukt kalkulieren, berechnete das Ifo-Institut im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Dies sei das höchste mögliche Plus innerhalb der EU nach Großbritannien, das aufgrund seiner Kolonialgeschichte besondere Beziehungen mit Indien pflegt.

Ein Abkommen hätte nicht nur ökonomische Vorteile für beide Seiten, sondern würde ein wichtiges Zeichen für den Freihandel setzen, sagte Bertelsmann-Asienexpertin Cora Jungbluth mit Blick auf den Brexit und Abschottungstendenzen der US-Regierung unter Präsident Donald Trump.

In Deutschland würden besonders Hersteller von Kraftfahrzeugen, Maschinen und Ausrüstung profitieren. Sie könnten ihre Wertschöpfung um bis zu 1,5 Milliarden Euro im Jahr steigern. Verlierer wären demnach Dienstleister sowie die Textil- und Bekleidungsindustrie mit einem erwarteten Minus von jeweils mehreren Hundert Millionen Euro. Indien habe in diesen Bereichen - vor allem aufgrund niedrigerer Löhne - einen deutlichen Wettbewerbsvorteil.

Bereits seit 2007 laufen die Verhandlungen zwischen Indien und der EU, sie liegen jedoch seit 2013 auf Eis. Die größten Hemmnisse aus deutscher Sicht liegen im Auto- und Pharmasektor. Wer fertig montierte Pkw nach Indien einführt, zahlt dafür je nach Größe des Fahrzeugs zwischen 60 und 100 Prozent des Neupreises. In der Pharmabranche hakt es besonders beim geistigen Eigentum. Indiens gigantische Industrie für Generika (Nachahmer-Medikamente), die nach Ablauf des Patentschutzes von Originalmitteln günstiger auf den Markt kommen, wird geschützt durch sehr strikte Gesetze.

Indien ist eines der am schnellsten wachsenden Schwellenländer. In diesem Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von 7,4 Prozent erwartet. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Indien betrug laut APA im vergangenen Jahr rund 17 Milliarden Euro. Davon waren knapp zehn Milliarden Euro deutsche Exporte. Der Bestand deutscher Investitionen in Indien belief sich Ende 2015 auf knapp 13 Milliarden Euro.

@ dpa.de

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