Grebenhain (dapd-hes). Die Szene erinnert an einen Westernfilm: Auf einer Wiese im Vogelsberg grasen etwa 20 Rinder gemächlich vor sich hin. Drei Reiterinnen auf ihren Pferden nähern sich langsam der Herde. Auf den Köpfen tragen sie Cowboyhüte, an ihren Stiefeln blitzen Sporen.
Was nach Freizeitvergnügen aussieht, bedeutet aber in Wirklichkeit Arbeit. 'Wir haben nach einem Weg gesucht, wie wir die Tiere auf eine stressfreie Art von einem Ort zum nächsten bringen können', berichtet Heike Hardt. Seit fünf Jahren treibt sie gemeinsam mit einer Freundin und ihrer Tochter Rinder zu Pferd um.
Das sei einzigartig in Hessen, sagt die 41-Jährige. 'Es gibt natürlich die Westernshows in Hallen, bei der Kühe zum Spaß hin und her getrieben werden. Aber wir verbinden den Spaß mit Arbeit.' Das Vorbild stammt aus den USA.
Ein Rind schert aus der Gruppe aus, bleibt vor Heike Hardt und ihrem 'American Quarter Horse' stehen. So eine Situation kann durchaus gefährlich werden. Doch die Frau wartet ab und macht dann einen Schritt auf das Tier zu. Das Rind dreht sich um und läuft zurück zur Herde. 'In solchen Situationen ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und jede Form von Lärm oder raschen Bewegungen zu vermeiden', sagt Hardt.
Der Traum vom Wilden Westen, im Grebenhainer Ortsteil Nösberts-Weidmoos haben sie ihn sich ein bisschen wahr gemacht. Heike Hardt hatte Pferde, ihr Mann Christoph züchtete Rinder. Bis zu 400 Tiere der Rassen Schwarzbunt, Rotbunt und Fleckvieh hält er auf seinem Betrieb, der 'Färsenaufzucht Hardt'.
Wenn die Tiere von einer Weide zur nächsten getrieben werden mussten, geschah das meist zu Fuß oder mit einem Treibwagen. 'Der Wagen bedeutet für die Rinder aber unnötigen Stress', sagt Christoph Hardt, 'Und zu Fuß ist man manchmal nicht schnell genug.' Also sattelte Heike Hardt ihr Pferd und versuchte, die Rinder auf diese Weise von einer Weide zur nächsten zu bringen. Es funktionierte. 'Tiere wollen anderen Tieren folgen. Bei manchen Rindern genügt es, vorneweg zu reiten und sie folgen dir', berichtet die 41-Jährige.
'Man kann jedes Pferd dazu ausbilden', sagt Hardt und erzählt von ihrem vorigen Pferd, einem Kaltblut, das sich auch schweren Bullen in den Weg stellte. 'Das Pferd beschützt seinen Reiter', sagt sie. 'Es ist aber wichtig, dass der Reiter dem Pferd vertraut und umgekehrt.' Manchmal müssten die Rinder auch über die nahe Verkehrsstraße getrieben werden. 'Die Autofahrer staunen meist nicht schlecht über das, was sie dann sehen.' In dem kleinen Ortsteil leben knapp über 200 Einwohner, der Viehtrieb der Hardts gilt als exotisch.
Nach einer kurzen Zigarettenpause im Sattel geht es weiter. Die Rinder wirken entspannt, sie haben sich längst an die Pferde gewöhnt. Die drei Frauen wechseln vom Trab in den Galopp. 'Umso zügiger es vorwärtsgeht, desto seltener brechen einzelne Tiere aus der Herde aus', berichtet Hardt. Auch die Rinder laufen schneller, nähern sich dem Ende der Koppel, bleiben schließlich stehen.
Die Pferde schnauben. Heike Hardt springt aus dem Sattel. 'Wenn ich merke, dass mein Pferd nicht mehr kann, höre ich sofort auf. Die arbeiten schließlich für uns.' Sie merke jedoch auch, dass es den Pferden Spaß macht. 'Und wenn dann der Staub unter den Hufen aufwühlt und die Erde bebt, hab ich ein breites Grinsen im Gesicht', fügt sie mit einem Lachen hinzu.
dapd


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