Mayschoß (ddp-rps). «Wo stehen wir denn jetzt?», fragt Frank Walter Steinmeier interessiert. Es ist ein warmer Freitagnachmittag, der Kanzlerkandidat der SPD steht in einem Weinberg über der Ahr und lässt sich das Kunstprojekt von Rainer Hess erklären. Der hat in einem Weinberg mitten zwischen einhundert Jahre alte Riesling-Reben junge Rotweinstöcke gepflanzt. Die Traube heißt «Da Capo», und ihre Stöcke bilden den Fluss der Ahr im Weinberg nach. Das sei «der Fluss des roten Rebensaftes», erklärt der Künstler, und außerdem «ein Werk, das kommt und geht», mit der Blätterfarbe der Jahreszeiten.
Der SPD dürfte das bekannt vorkommen: Sie steht gerade in den Umfragen bei maximal 24 Prozent, die CDU ist mit 37 Prozent weit enteilt. Speziell der Kanzlerkandidat hat gerade den größten Abstand zu seiner Rivalin, CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel, der vom ZDF in der Geschichte des Politbarometers seit 1977 je gemessen wurde. 64 Prozent für Merkel als Kanzlerin, 23 Prozent für Steinmeier, da steht die SPD zurzeit - und das Kommen und Gehen, das kennt sie auch gut genug. Vor einem Jahr war es, da ging mal wieder einer ihrer Parteivorsitzenden. Der hieß Kurt Beck und ist seitdem wieder in erster Linie Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz.
Nach seinem Abgang am Schwielowsee hatte Beck von Mobbing und Intrigen gegen ihn gesprochen und dabei auf die alte Riege um den alten Parteichef Franz Müntefering gezielt. Jetzt ist «Münte» wieder Parteichef, Steinmeier Kanzlerkandidat, und Kurt Beck war seitdem nicht mehr viel an der Seite der SPD-Spitzen zu sehen. Bei der Rettung von Opel hat man sich getroffen, auch mal auf einem Kongress in Mainz, mehr war nicht.
Nun treffen sich Beck und Steinmeier an diesem Sommertag an der Ahr, ausgerechnet im Heimatland von Andrea Nahles, der SPD-Linken, die damals eine Rückkehr der Agenda-Reformer eifrig zu verhindern suchte. «Wir wollten Dir zeigen, dass es viel Arbeit braucht, um gute Rote zu produzieren», sagt Nahles jetzt zur Begrüßung zu Steinmeier, und beide können darüber lachen.
Überhaupt wird viel gelacht bei diesem mit Spannung erwarteten Aufeinandertreffen. Die Stimmung ist gelöst, es werden Witze gemacht, Steinmeier entledigt sich seiner Krawatte. «Habt Ihr hier auch was zu trinken?», fragt er. Bei Blanc de Noir und Spätburgunder «Pinot Noir R» der Winzergenossenschaft Mayschoß genießt der Wahlkämpfer Steinmeier sichtlich den Wochenausklang in gelöster Atmosphäre. Die SPD sei doch schon im Wahlkampf-Schwung, «und da ist auch noch was zu bewegen», sagt er. Seine Veranstaltungen seien voll, die Leute neugierig und freundlich. «Da ist noch mehr Bewegung drin, als die Meinungsforscher meinen», betont Steinmeier.
Auch Nahles glaubt, «dass der Wahlkampf jetzt erst so richtig losgeht». Wo die SPD landet? «Vorne», sagt sie, und nein, Motivationsprobleme gegen den Koalitionspartner habe sie jedenfalls keine. Sie müsse sich nur an den aufgestauten Groll der letzten vier Jahre bei Themen wie dem Mindestlohn erinnern, «schon sitzt das.» Kurt Beck erzählt derweil Witze erzählt von steifen Baden-Württembergern und Alt-Bundespräsident Johannes Rau und dessen penibler Exaktheit bei der Rechtschreibung. Ob er sich noch gräme, dass er Kanzlerkandidat hätte werden können, wird Beck gefragt. «Wenn ich's hätte werden wollen, hätt' ich's anders angelegt», sagt der und zuckt mit den Schultern.
Steinmeier blättert derweil im Gästebuch und sagt, es sei ja schon mal ein Außenminister hier gewesen, «der von der Mongolei» - und hat die Lacher auf seiner Seite. Die SPD, so lautet die Botschaft des Tages, geht entspannt in die letzten vier Wochen vor der Wahl am 27. September und sie will im Wahlkampf noch zulegen - «da Capo» eben, wie die Rotweintrauben. «Wir suchen noch ein paar, die mitspielen im Wahlkampf», sagt Steinmeier, und lacht moch einmal.
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