Für die Nazis waren sie bloß «lebensunwertes Leben». Eine der Tötungs-Anstalten befand sich in Pirna-Sonnenstein, wo im Juni vor 70 Jahren das systematische Töten mit Gas begann. «Pirna war eine der ersten Euthanasie-Anstalten und damit eine der ersten Einrichtungen von Massenvernichtungen im Deutschen Reich», sagt der Leiter der heutigen Gedenkstätte, Boris Böhm.
Gebilligt wurde der als «sanfter Tod» (Euthanasie) verbrämte Massenmord von Adolf Hitler im Oktober 1939 persönlich. Der Erlass wurde später auf den 1. September zurückdatiert. Gemäß der menschenverachtenden Doktrin der Nationalsozialisten schädigten psychisch Kranke wie auch Behinderte die Volkswirtschaft und den «Volkskörper» und mussten demnach «ausgemerzt» werden. Koordiniert wurde die Aktion in der Berliner Tiergartenstraße 4 (T4).
«Erste Mordversuche mit Kohlenmonoxid für T4 gab es Ende 1939, Anfang 1940 mitten in Brandenburg/Havel», sagt Medizinhistorikerin Astrid Ley, die als Leiterin der dortigen Gedenkstätte arbeitet. «In eine Scheune im stillgelegten Alten Zuchthaus wurde die erste Gaskammer gebaut.» Bis Oktober 1940 starben dort 9000 Menschen.
Die Methoden aus Brandenburg wurden später auch bei den Morden in Pirna und den anderen vier Anstalten angewandt. «Das Töten wurde optimiert», beschreibt Ley das skrupellose Vorgehen der Nazis. Es seien gleichsam «Spezialisten» herangebildet worden, die das Vernichtungsverfahren «perfektioniert» hätten und später auch in KZs zum Einsatz gekommen seien.
Die Pirnaer Gaskammer war zugleich die erste Einrichtung, in der - ab 1941 - planmäßig KZ-Häftlinge ermordet wurden. «Sie kamen aus Buchenwald, Sachsenhausen und Auschwitz. Da wurde der Schritt zum Holocaust gegangen», sagt Böhm. Ley zufolge waren anfangs kranke Häftlinge die Opfer. «Denn die KZ entwickelten sich langsam zu Arbeitskräftereservoirs, da störten Kranke. Man brauchte Personal für die Waffenproduktion.»
Die Auswahl in den Lagern trafen Psychiater. Sie selektierten Häftlinge, die körperliche und seelische Leiden hatten, aber auch solche, die der SS missliebig waren: Juden. »Den Menschen wurde gesagt, sie gehen in ein Sanatorium bei Dresden - das war Sonnenstein«, sagt Ley. Das Ganze habe eine neue Dimension gehabt, weil dabei erstmals Ausländer Opfer des gezielten Massenmordes wurden. Die Aktion hieß nach ihrem Aktenkürzel 14f13.
Nach dem Krieg wurde auf dem Sonnenstein eine Schule der Kasernierten Volkspolizei eingerichtet. Ab den 50er Jahren saß dort auch die Hauptverwaltung Luftfahrt der DDR, da nebenan wichtige Teile für den (letztlich gescheiterten) ersten deutschen Passagier-Düsenjet der Welt gefertigt wurden, der in Dresden entstand.
Heute wird das Areal der früheren Heil- und Pflegeanstalt ganz unterschiedlich genutzt. Große Teile liegen brach, Krankengebäude verfallen, auch die Anstaltskirche. Ein historischer Flügel des Schlosses Sonnenstein wird für das Landratsamt saniert, davor förderten Ausgrabungen Festungsanlagen zutage. Direkt neben der Gedenkstätte leistet die AWO soziale Arbeit und betreibt eine Werkstatt für Behinderte.
Die am 9. Juni 2000 eröffnete Gedenkstätte besuchen vor allem Schulklassen. Was sie vorfinden, sind authentische Räume. «Es ist die älteste erhaltene Massenvernichtungseinrichtung auf dem Gebiet der Bundesrepublik», sagt Böhm. Neben einer Ständigen Ausstellung erinnern Porträtfotografien an Opfer der «Aktion T4». In einem Raum der Stille wird der 11 600 namentlich bekannten Opfer gedacht. Über die Stadt verteilt stehen gläserne Tafeln zum Thema, ab 24. Juni wird das mobile, 75 Tonnen schwere Denkmal Grauer Bus für ein Jahr in der Stadt aufgestellt.
Quer durch die Stadt schlängelt sich vom Pkw-Parkplatz an der Elbe bis hinauf zum Sonnenstein eine gemalte Kette aus 14 751 bunten Kreuzen. Jahr für Jahr zur Sommersaison werden die verblassenden Mahnzeichen von Jugendlichen erneuert.
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