Constitucion (dapd). Ein Jahr nach der Katastrophe hat Chile bei der Beseitigung der Schäden in einigen Bereichen Fortschritte vorzuweisen, in anderen hakt es noch.
Viele Bewohner sind immer noch traumatisiert. Einer von ihnen ist Emilio Gutierrez, der Touristen auf dem Maule-Fluss herumfährt. Wann immer er etwas Ungewöhnliches auf dem Gewässer treiben sieht, steuert er sein Boot verstohlen in die Nähe. Er sucht nach Spuren seines vier Jahre alten Sohnes, den er in dem furchtbaren Tsunami nach dem Beben verloren hat.
Während viele Bewohner aus Furcht vor der Flutwelle in die nahen Berge flohen, versuchten Gutierrez und seine Familie, mit zwei Booten auf dem Fluss zu entkommen. Sein Vater und sein Sohn sprangen in das eine, er und seine Frau in das andere Boot. Wegen eines Motorschadens wurden beide Boote getrennt, und während sich Gutierrez verzweifelt bemühte, den Motor wieder in Gang zu bringen, musste er ohnmächtig miterleben, wie sein Sohn und sein Vater in ihrem Boot flussaufwärts weggerissen wurden.
Vielen Überlebende, die von der Nachrichtenagentur Associated Press interviewt wurden, tun sich ein Jahr nach der Katastrophe schwer damit, noch einmal neu anzufangen und loszulassen, was sie verloren haben. Die Angst vor einem neuen Tsunami ist unter den Chilenen immer noch allgegenwärtig, zumal es in jüngster Zeit immer wieder stärkere Nachbeben gab. In die Trauer um verlorene Angehörige und Freunde mischt sich bei vielen am ersten Jahrestag des Bebens auch Wut und Frust über das Tempo des Wiederaufbaus.
Der Staat hat 130.000 Kredite für obdachlos gewordene Familien gewährt. Ein bürokratischer Dschungel sorgt aber dafür, dass es lange dauert, bis das Geld auch tatsächlich bei den Bedürftigen ankommt.
Die Hälfte der zerstörten Gebäude konnte repariert werden. Die meisten bleiben aber unbewohnbar, da es bürokratische Hürden oder ungelöste juristische Probleme wegen Eigentums- und Versicherungsfragen gibt. Viele Obdachlose sind bei Verwandten untergekommen oder leben in kleinen, zugigen Holzbaracken, 'mediaguas' genannt.
Bei einem Besuch in der Stadt Constitucion, rund 75 Kilometer nördlich des Epizentrums, hat Präsident Sebastian Pinera vor kurzem eingeräumt, dass der Wiederaufbau teilweise nur schleppend vorankommt. 'Wir wissen, dass wir hinter dem Zeitplan liegen, wenn es ums Bauen und die Gesundheitsfürsorge geht. Das liegt allerdings nicht an mangelnder Anstrengung.'
Bis alle Obdachlose wieder in neuen, festen Häusern wohnen, werden noch einige Monate vergehen. Aber Pinera und andere weisen auf Erfolge beim Wiederaufbau hin, um damit Optimismus, Hoffnung und Stolz zu verbreiten. Und Erfolge gibt es tatsächlich:
Die Schnellstraße Panamericana mit ihren vom Erdbeben zerstörten Brücken ist wieder voll befahrbar. Die meisten beschädigten Häfen sind repariert. Die Zahl der verfügbaren Krankenhausbetten ist wieder so groß wie vor dem Beben, wenngleich viele davon in Feldlazaretten stehen. Rund 70 Prozent der 3.700 Schulen sind wieder aufgebaut.
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