Schwerin (dpa) - Viele Städte auf der Welt haben ein gemeinsames Problem: Tonnenweise Hundehaufen, die von den Herrchen nicht weggeräumt werden. Der Kölner Aktionskünstler Ralf Witthaus hat sich jetzt exemplarisch in Schwerin der «Tretminen» angenommen.
Mit roter Schaufel und Plastiksack sammelte er am Montag und Dienstag Häufchen ein - mehr als 1000 Stück auf der gut einen Kilometer langen, sanft geneigten und mit Rasen begrünten Uferböschung des Pfaffenteichs im Herzen der Landeshauptstadt, in der gerade die Bundesgartenschau stattfindet. Die genaue Zahl will der Künstler mit einer Elektrosense am Mittwoch in die Wiese mähen - eine in zwei Wochen zuwachsende Mahnung, das öffentliche Grün zu wertschätzen.
Die Kommunen drohen zum Teil saftige Geldbußen an, wenn Hundehaufen nicht weggeräumt werden. Aber man kommt den Besitzern nur selten auf die Spur. So wird mit ganz verschiedenen Methoden versucht, des Problems Herr zu werden. Die Stadt Wien stellte kürzlich 18 000 neue Schilder auf. Sie zeigen einen kleinen Jack- Russell-Terrier, der einen Zettel mit der Aufschrift «Sind dir 36 Euro Wurst?» im Maul hat, ein Hinweis auf die angedrohte Strafhöhe. In Italien und Israel gibt es Überlegungen, über DNA-Proben die Hunde und damit ihre säumigen Besitzer zu identifizieren.
Es ist wohl eine Frage der Einstellung. Öffentliche Anlagen sind ein weithin unterschätztes Kapital, meint Witthaus. «Der Rasen ist ein demokratischer Möglichkeitsraum, einer der wenigen öffentlichen Räume, die nicht kommerzialisiert sind oder überwacht werden», sagt der 1973 geborene Künstler. In den Gartenämtern der Kommunen werde das Geld für die Pflege des städtischen Grüns aber immer knapper und vielerorts sei es wie am Schweriner Pfaffenteich gesellschaftlicher Konsens, die Wiesen als Hundeklo zu missbrauchen.
Witthaus hat schon vor Jahren den öffentlichen Rasen zur Grundlage für seine Kunst gemacht, die er «Rasenmäherzeichnungen» nennt. Mit seinen vergänglichen Motiven hat er wiederholt für Aufsehen gesorgt: In Köln schnitt er in eine Parkwiese die Konturen einer Autobahnauffahrt, die dort einmal gebaut werden sollte. In dem ostdeutschen Dorf Seethen (Sachsen-Anhalt) senste er die Namen von vier jungen Männern ins Grün, die den Ort gerade in Richtung Westen verlassen hatten. Auch im Garten des Städel-Museums in Frankfurt/Main mähte Witthaus bereits, ebenso im Park des Karlsruher Schlosses und im Rotterdamer Bürgerpark Het Oude Westen.
Als der Schweriner Kunstverein den Kölner zu einer Ausstellung und Aktion einlud und er sich rund um den Pfaffenteich umsah, «konnte ich gar nicht richtig schauen, weil ich immer nach unten sehen musste, um nicht in einen Hundehaufen zu treten». Das Einsammeln der Häufchen am Montag und Dienstag geriet zum öffentlichen Ereignis. Anwohner sprachen ihn erfreut an, Hundebesitzer reagierten nicht durchgängig begeistert. «Ich gehe an einen Ort, sehe und höre, was die Menschen dort bewegt und verwandle dann diesen Ort für zwei Wochen mit meiner Kunst», sagt Witthaus. Die Botschaft ist meist leicht zu erkennen und sorgt für Gesprächsstoff unter den Passanten. Wenn Witthaus am Mittwochabend seine Zahl in die Böschung des Schweriner Pfaffenteichs mäht, kann er sich eines größeren Publikums sicher sein.


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