Gesellschaft, Szene

«Pride» heißt er in anderen Ländern, CSD in Deutschland: der jährliche Protestzug der queeren Community für Akzeptanz und Gleichberechtigung.

22.07.2017 - 15:52:07

Jubel über die Ehe für alle - Hunderttausende feiern den Berliner CSD. Dieses Mal gibt es vor allem Grund zum Feiern.

  • Parade - Foto: Gregor Fischer/dpa

    Das Motto des diesjährigen Christopher Street Days (CSD) heißt «Mehr von uns - jede Stimme gegen rechts». Foto: Gregor Fischer/dpa

  • CSD-Matrosen - Foto: Jörg Carstensen/dpa

    Viele Teilnehmer bejubelten bei der diesjährigen CSD-Parade die «Ehe für alle». Foto: Jörg Carstensen/dpa

  • Verkleidete Männer - Foto: Gregor Fischer/dpa

    Beim Christopher Street Day (CSD) ging es auch in diesem Jahr sehr fröhlich zu. Foto: Gregor Fischer/dpa

Parade - Foto: Gregor Fischer/dpaCSD-Matrosen - Foto: Jörg Carstensen/dpaVerkleidete Männer - Foto: Gregor Fischer/dpa

Berlin - Viel nackte Haut und überall Regenbogenfarben: Mit einem bunten Freuden- und Protestzug haben Hunderttausende den Berliner Christopher Street Day gefeiert und dabei besonders die Öffnung der Ehe für alle bejubelt. Viele säumten die Straßen.

Zum Auftakt der 39. Parade der Schwulen, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuellen am Samstag in der Hauptstadt schallt es bei zunächst drückender Hitze aus den Lautsprechern: «We are the beautiful ones» (Wir sind die Schönen). Dragqueens, Fetischisten und unzählige Verkleidete laufen und tanzen gut gelaunt vom Kurfürstendamm zum Brandenburger Tor. Motto: «Mehr von uns - jede Stimme gegen Rechts».

Google-Mitarbeiter tragen einen großen Regenbogen aus Luftballons. Am Rande des Umzugs fährt ein verkleideter Roboter der Berliner Stadtreinigung auf und ab - mit Peitsche in der Hand und Lederriemen am orangefarbenen Körper begeistert «Reimer» viele Zuschauer.

Ein paar Jugendliche aus Magdeburg offerieren freie Umarmungen und führen darüber Strichlisten. Wer am Ende am wenigsten Menschen umarmt habe, müsse die Pizza für alle bezahlen, erzählt die 15-jährige Franziska. «Wir sind hier, weil wir alle nicht heterosexuell sind», sagt sie. «Es geht darum, in der Schule nicht dumm angeguckt zu werden, nur weil man bisexuell ist.» Mehr Akzeptanz sei das Ziel.

«Wir feiern heute die Ehe für alle», sagt Patrick Raap. Der 44-Jährige ist mit Freunden extra aus Hamburg zum Berliner CSD gekommen. «Im nächsten Jahr will ich meinen Partner heiraten», erzählt er. Mit der historischen Bundestagsentscheidung zur Öffnung der Ehe hierzulande sei es Zeit, den Blick zu weiten, findet Raap: «Die Politik sollte sich einsetzen für Schwule und Lesben in Ländern, wo deren Rechte unterdrückt werden.»

Erst am Vortag hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Gesetz zur Ehe auch für Homosexuelle unterzeichnet. Voraussichtlich Anfang Oktober soll es soweit sein: Auch Lesben und Schwulen dürfen dann in Deutschland heiraten und damit ebenfalls Kinder adoptieren.

Bei allem Grund zum Feiern werden auf den rund 60 Wagen des Umzugs immer wieder sehr ernste Themen aufgerufen. So fordert etwa die Aids-Hilfe kostenfreie Gesundheitschecks. Der CSD erinnert ja traditionell an Vorfälle um den 28. Juni 1969 in New York: Nach einer Polizeirazzia in der Bar «Stonewall Inn» kam es zum Aufstand von Schwulen, Lesben und Transsexuellen mit Straßenschlachten in der Christopher Street.

Auch Politiker laufen bei der Parade mit. «Die Phase der Toleranz ist vorbei. Jetzt kann die Epoche der Akzeptanz beginnen», erklärt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck mit Blick auf die Ehe für alle. Aber es müsse weitergekämpft werden: «Weg mit dem Transsexuellengesetz, her mit einem Selbstbestimmungsgesetz, das entwürdigender Gutachteritis und Schikanen ein Ende setzt.»

Es gab für die queere Community am Samstag neben der Ehe für alle noch einen Grund zu feiern. Auch das Gesetz zur Rehabilitierung von Menschen, die nach 1945 noch für ihre Homosexualität juristisch verurteilt wurden, trat an dem Tag in Kraft.

Das eigentliche Thema des Umzugs geriet ob der positiven Botschaften fast in den Hintergrund: Protest gegen Rechts. Dragqueen Anna Bolika sagte dazu der «taz» (Samstag): «Den aktuellen Rechtsruck deute ich als Symptom einer generellen Unzufriedenheit mit der Politik, mit prekären Arbeitsverhältnissen, dem maroden Bildungssystem, einer unsicheren Rente.» Um etwas gegen diese Probleme zu tun, sollten Politiker zusammenarbeiten - und nicht gegeneinander.

@ dpa.de

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