Film, Festivals

Barfuß und mit Datenkamera: In «Carne y Arena» lässt Starregisseur Iñárritu erfahren, was es heißt, ein Flüchtling zu sein.

25.05.2017 - 11:36:06

Außer Konkurrenz - Iñárritu in Cannes: In der Haut eines Flüchtlings. In Cannes präsentiert der Mexikaner damit den ersten Virtual-Reality-Film.

Cannes - Scheinwerfer suchen das Gelände ab, ein Kampfhubschrauber naht: Eine Gruppe von Mexikanern geht in Deckung. Einige verstecken sich hinter den wenigen Säulen-Kakteen, andere schmeißen sich in den Sand.

«Nicht bewegen!», schreien die Männer, die aus dem Jeep springen. «Stehen bleiben!» Dann Schüsse und Schreie. In «Carne y Arena» (etwa: Fleisch und Sand) lässt der mexikanische Erfolgsregisseur Alejandro González Iñárritu den Zuschauer nicht mehr sich selbst sein. Barfuß und mit Datenbrille lässt er ihn erfahren, was es heißt, ein Flüchtling zu sein - mehrere tausend Kilometer entfernt von Cannes.

Der 53-Jährige mehrfache Oscarpreisträger («Birdman», «The Revenant - Die Rückkehrer») zeigt den Film außer Konkurrenz. Er dauert nur 7 Minuten, für die Realisierung haben er und der preisgekrönte Kameramann Emmanuel Lubezki jedoch vier Jahre gebraucht. Der Kurzfilm beruht auf Erfahrungen von Menschen, die es geschafft haben, über die Stacheldrahtzäune von Mexiko in die USA zu fliehen. Laut Experten sind seit Mitte der 90er Jahre mehr als 11 000 Männer, Frauen und Kinder aus Zentralamerika bei dem Versuch gestorben, in Amerika das erhoffte bessere Leben zu finden.

Als Solo-Erfahrung wird der Film in einem Hangar auf dem Flughafengelände in Cannes präsentiert. Einzeln wird jeder in eine Schleuse gebracht, die in eine Zelle führt. Dort liegen Schuhe von Menschen, die entlang der rund 3100 Kilometer langen Grenze zwischen Mexiko und USA gefunden wurden. In der Zelle muss man Schuhe und Socken ausziehen. Barfuß geht es dann in einen riesigen, mit Sand ausgelegten Raum. Zwei Männer helfen, die Datenkamera aufzusetzen und den Rucksack mit der Elektronik anzulegen.

Dann geht die Reise los in eine Sphäre, in der die Welt als Wirklichkeit auftritt. Und die, die uns Iñárritu hier zeigt, macht betroffen und Angst. Er glaube, dass unsere Gesellschaft den Statistiken und der Informationsflut gegenüber unsensibel geworden sei, erklärte er in einem Interview. Er wolle keine Geschichte erzählen, sondern einen Teil des Erlebens der Flüchtlinge wiedergeben, um nachempfinden zu können, was sie durchleben. Das habe nichts mit technischer Spielerei oder Voyeurismus zu tun, wehrte er sich gegen einige Kritiken.

Iñárritu präsentiert in Cannes den ersten Reality-Film. Dieses Kino sei mehr nur als eine Technik, es sei bereits eine Kunst, mit der heutige Filmemacher arbeiten, erklärte Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals. «Carne y Arena» soll demnächst in Paris in einem vor wenigen Monaten eröffneten Virtual-Reality-Kinosaal kommen. 

Doch mit «Carne y Arena» hat Iñárritu nicht nur eine Premiere gefeiert. Ihm ist auch eine einzigartige Symbiose zwischen Kino und Kunst gelungen. Denn im Juli wird «Carne y Arena» als Installation im Los Angeles County Museum of Art gezeigt sowie im Tlatelolco Museum in Mexico City.

@ dpa.de

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