Hamburg (dpa) - So viel Pech für Handball-Meister THW Kiel ließ sogar den Gegner weinen.
Knapp eine Stunde nach der 27:33- Niederlage des deutschen Rekordmeisters im Final-Rückspiel der Champions League bei Titelverteidiger BM Ciudad Real (Hinspiel 39:34) spielten sich rührende Szenen im Presseraum der Quijote-Arena von Ciudad Real ab. Plötzlich begann Olafur Stefansson vom siegreichen spanischen Handball-Meister, flankiert von Ciudad-Trainer Talant Dujshebaev und THW-Coach Alfred Gislason, zu schluchzen. «Ich sitze zwischen den besten Trainern der Welt, wir sind die besten Teams der Welt. Kiel hätte den Pokal auch verdient gehabt. Ich kann den Schmerz nachempfinden, den mein Freund Alfred Gislason jetzt spürt», stammelte der Isländer, der kommende Saison bei den Rhein-Neckar Löwen unter Vertrag steht, mit Blick auf seinen Landsmann.
Zu Hause mit fünf Toren gewonnen, auswärts mit sechs Toren verloren - knapper hätte es beim Gipfeltreffen der stärksten europäischen Teams nicht zugehen können. Bitter für den THW, dass der Traum vom zweiten Triumph in der «Königsklasse» und vom zweiten Titel-Triple nach 2007 erst in den letzten Minuten des Rückspiels platzte. 40 Minuten lang hatten die Schleswig-Holsteiner die Partie diktiert, sogar mit vier Toren vorn gelegen. Dann kam der Einbruch.
In den letzten sechs Minuten fingen die Spanier den THW mit 6:1 Toren noch ab. «Wir waren sehr nah dran. Wir waren die bessere Mannschaft. Leider haben wir eine klare Führung verworfen», klagte Gislason. «Wir haben uns um den Lohn der eigenen Arbeit gebracht.» Ratlos war Nikola Karabatic, der nach dem Schlusspfiff minutenlang im Tor lag. «Ich verstehe immer noch nicht, was passiert ist. Wir waren gut dabei und plötzlich ging nichts mehr. Uns fehlten die Eier, das ist ganz klar», teilte er auf seiner Homepage mit.
Schon 20 Sekunden vor dem Schlusspfiff hatte sich Kapitän Stefan Lövgren Tränen aus den Augenwinkeln gewischt. Eigentlich wollte er seine Karriere nach zehn Jahren im THW-Trikot mit dem stattlichen Silberpott in den Händen beenden. «Diesen Pokal hätte ich liebend gern mitgenommen. Aber es war trotzdem eine erfolgreiche Saison», meinte der Schwede, der künftig in seiner Heimat als Sportlehrer an einem Gymnasium arbeiten wird. Dagegen hatte Torhüter Thierry Omeyer kein Ohr für tröstende Worte. «Nur vier Spieler hatten Normalform. Das ist zu wenig, wenn man so ein Spiel gewinnen will», zürnte der Franzose. Insbesondere auf der rechten Seite mit Kim Andersson und Christian Zeitz funktionierte zu wenig.
Für die Mannschaft heißt es jetzt: Frustbewältigung. Am Pfingstmontag um 8.00 Uhr machte sich das Team via Madrid auf den Weg nach Mallorca. Dort wollen die Spieler den Abschied von Lövgren gebührend feiern - und wohl auch die Enttäuschung über den verpassten Titel ertränken. Erst am 3. Juni geht es zurück nach Deutschland, wo das vorletzte Bundesliga-Spiel gegen den Tabellenletzten TuSEM Essen ansteht. Am 6. Juni folgt zum Saisonfinale gegen die SG Flensburg-Handewitt die Meisterfeier vor dem Kieler Rathaus.
Ihren Ausstand geben wohl auch Karabatic und Vid Kavticnik, die beide zu Montpellier HB wechseln. Offiziell hat der THW noch kein grünes Licht gegeben, hinter den Kulissen soll aber bereits Einigung erzielt worden sein. Der Franzose und der Slowene sollen im Paket für 1,5 Millionen Euro gehen können. Die Lücken sollen Momir Ilic vom VfL Gummersbach und Christian Sprenger vom SC Magdeburg füllen. Damit steht der deutsche Rekordmeister vor einem Umbruch. Gislason: «Es wird eine deutlich andere Mannschaft sein.»
































