Berlin (dapd-bln). Eigentlich sollte das Haus in der Ackerstraße am Mittwoch geräumt werden. Zumindest dieser Termin ist vom Tisch. Der Eigentümer des Gebäudes, Markus Friedrich, ist zuversichtlich, dass eine Räumung generell kein Thema mehr ist. Die vereinbarte Friedenspflicht bedeute, dass 'alle Bereitschaft zur Einigung zeigen und die letzte Hürde überwunden wird', sagt er.
Damit könnten die Beteiligten einen Schlussstrich unter eine jahrelange Klagewelle ziehen. Friedrich, dem das Haus seit 1993 gehört, hatte mehrfach Anstrengungen unternommen, um die Bewohner und die Betreiber der Gewerberäume vor die Tür zu setzen. Dem Eigentümer soll nun vom Liegenschaftsfonds ein anderes Grundstück angeboten werden. Am Ende werde es eine Lösung geben, mit der alle leben könnten, sagt er. 'Wir sind auf einem guten Weg', fügt Friedrich hinzu, ohne Details der Verhandlungen nennen zu wollen.
Erleichterung macht sich beim Verein 'Schokoladen' breit, dem die Bewohner und Gewerbetreibenden angehören. 'Die Friedenspflicht ist ein erster Schritt, aber noch keine endgültige Rettung', sagt Anja Gerlich, Sprecherin des Vereins. Allerdings solle der 'Schokoladen', wenn er denn am Ende bestehen bleibe, 'keine Insel inmitten einer durchgentrifizierten Stadt sein'. Der Verein fordert ein grundsätzliches Umdenken vom Senat.
In einem vor eineinhalb Jahren an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) adressierten Offenen Brief einiger Künstler wird der 'Schokoladen' als 'eine Berliner Ideenschmiede' bezeichnet, 'die weit über die Grenzen der Stadt und des Landes hinaus bekannt ist, einen Teil der so oft besungenen Berliner Szene bildet'. Das Kultur-Café wurde im Oktober 1990 eröffnet. Junge Künstler dürfen die Räume als Galerie nutzen. Zudem gibt es regelmäßig Konzerte.
'Zu Auftritten von Musikern kommen im Schnitt bis zu 400 Besucher', berichtet Gerlich. Bei Aufführungen des Orphtheaters sitzen in der Regel bis zu 180 Zuschauer vor der Bühne. Sieben Künstler arbeiten in den Ateliers in den Seitenflügeln des in die Jahre gekommenen Gebäudes. Es beherbergt außerdem drei Tonstudios, die von mehr als 20 Musikern pro Woche genutzt werden. Comics zieren die Flure.
Hin und wieder bleiben Touristen vor dem 'Schokoladen' stehen, zücken ihre Digitalkamera und richten das Objektiv auf die alte Fassade, an der ein Transparent mit dem Räumungstermin hängt.
Das Haus selbst stammt nach Angaben des Vereins aus dem Jahr 1881. Eine Steinmetzfamilie hatte es erbaut. 1911 übernahm es der Unternehmer Julius Stullgys. Er rührte in den Räumen Schokolade an und gab damit dem Haus seinen Namen. Die Produktion endete 1971.
Bereits 1993 stritten sich der Eigentümer und der Verein über die Gültigkeit der Mietverträge. 2009 habe sich der Verein erfolgreich gegen eine Räumungsklage wehren können, 'weil uns nicht rechtzeitig gekündigt worden war', sagt Gerlich. Ende 2009 flatterte die nächste Räumungsklage ins Haus. Im Januar urteilte das Landgerichts Berlin: Der Klub darf geräumt werden. Der Verein legte dagegen Berufung ein.
Die Räumung hätte wohl einen größeren Polizeieinsatz ausgelöst. Die Bewohner riefen zwar zu einem friedlichen Widerstand auf. Ob es friedlich geblieben wäre, ist ungewiss.
In der autonomen Szene ist der Unmut über die Räumung besetzter Häuser groß. Anfang Februar 2011 hatten die Bewohner der Liebigstraße 14 in Friedrichshain das Gebäude verlassen müssen. Bei Demonstrationen zuvor war es zu Ausschreitungen gekommen. Die Räumung selbst wurde damals von 2.500 Polizisten begleitet.
dapd


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