Nachterstedt (ddp-lsa). Das Unglück überraschte die Menschen im Schlaf. Am frühen Samstagmorgen war ein dumpfes Grollen in der Gemeinde Nachterstedt im Salzlandkreis zu hören. In Sekundenschnelle stürzte ein Hunderte Meter breiter Hang am Rande eines einstigen Braunkohletagebaus ein. Ein Doppelhaus und die Hälfte eines zweiten Gebäudes wurden bei dem Erdrutsch über hundert Meter tief in den Concordia See, einen gefluteten Tagebau, gerissen. Für die drei Verschütteten gab es am Sonntag kaum mehr Hoffnung.
Direkt am Rand der Abbruchstelle offenbaren sich die Dimensionen des Unglücks: Etwa 100 Meter geht es von hier aus in die Tiefe. Nach Schätzungen der Behörden hatten sich mehr als eine Million Kubikmeter Erdreich gelöst. «Das Ausmaß der Katastrophe ist unvorstellbar», klagt die Sprecherin des Salzlandkreises, Ursula Rothe. Ein Doppelhaus aus den 30er-Jahren verschwand komplett. Ein Ehepaar und der Nachbar werden vermisst. Dessen Sohn meldete sich am Sonntag bei den Behörden.
Entsetzt blickt Ortsbürgermeister Siegfried Hampe auf die Kraterlandschaft. «Unsere Träume von einem florierenden Naherholungsgebiet können wir erst einmal beerdigen», sagt er. Seit 1994 wird der alte Tagebau geflutet, das Umland erhofft sich von dem entstehenden See einen wirtschaftlichen Effekt. Mit Abbruch eines des gesamten Gemeindeteils wurde auch großes Stück Hoffnung im See begraben.
Neben den Häusern existieren auch die dorthin führende Straße und ein beliebter Aussichtspunkt der Ferienregion nicht mehr. Auf dem Boden zeichnen sich breite Risse ab. Eine Anlage für das Passagierschiff «Seelandperle», das künftig in Nachterstedt gewartet werden sollte, ist ebenfalls in den Schlammmassen verschwunden. Das Schiff selbst landete durch eine Flutwelle am andern Ufer.
Die Erdmassen hätten einen «Mini-Tsunami» ausgelöst, erläutert Christian Sladek vom Landesamt für Geologie und Bergwesen auf einer Pressekonferenz am Samstagnachmittag. Dort sind auch besorgte Anwohner. «Ich will nur das Nötigste aus meinem Haus holen», fleht ein Mann. Doch Landrat Urich Gerstner sagt, die Gefahr weiterer Abbrüche sei zu groß. Wie insgesamt 42 Einwohner muss der Mann in einer Notunterkunft unterkommen. In den Räumen der Freiwilligen Feuerwehr konnten sich die Betroffenen erst einmal erholen.
Die 200 Einsatzkräfte sind am Tag des Unglücks zur Untätigkeit verdammt. Wegen des morastigen Geländes können sie nicht zu den Trümmern in den Schlammmassen vordringen. Erfolglos bleibt die Suche mit Wärmebildkameras von einem Hubschrauber aus. Eine Hundestaffel kann am Abend wegen der einbrechenden Dunkelheit nichts mehr ausrichten. Am Sonntag versichert die Polizeisprecherin: «Wir geben nicht auf.» Aber auch sie weiß, Nachterstedt braucht ein Wunder.
Derweil hält das Rätselraten über die Unglücksursache an. Dass der Regen der zurückliegenden Nacht Auslöser gewesen sein könnte, hält kaum jemand von den Experten für möglich. Nachterstedter berichteten, dass erst kürzlich an einer Straße gebohrt und Hohlräume verfüllt wurden. Beim Landesamt für Geologie verbietet man sich Spekulationen. «Für jegliche Prognosen ist es zu früh», sagt Gerhard Jost von der Behörde in Stassfurt.
Landrat Gerstner bestätigt, dass es Mitte der 50er-Jahre zu einem Erdrutsch gekommen war - «mit weitaus geringeren Folgen», wie er betont. Damals starb ein Mann. Von 1865 bis 1990 wurde bei Nachterstedt Braunkohle abgebaut. Danach wurde mit der Flutung des Schachts begonnen. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Braunkohleverwaltung (LMBV) schließt ähnliche Fälle an anderen inzwischen gefluteten Tagebauen aus. Es handle sich hier um ein «außergewöhnliches tragisches Ereignis», versichtert Sprecher Uwe Steinhuber.
(ddp)


























