Dem Beamten fällt nichts Verdächtiges auf - obwohl wenige Meter entfernt, im Garten hinter dem Haus, die entführte Jaycee Lee Dugard schon jahrelang mit ihren beiden Kindern in Zelten und unter Planen versteckt gehalten wird.
Im Entführungsfall Jaycee kommen immer mehr Details über Ermittlungspannen der kalifornischen Polizei ans Licht. Außerdem wird gegen den 58-jährigen Phillip Garrido jetzt auch im Zusammenhang mit ungeklärten Morden an Prostituierten in den 90er Jahren ermittelt.
Dutzende Polizisten durchkämmten am Wochenende in dem kalifornischen Ort Antioch Haus und Grundstück des Mannes. Frühestens am Montag wollen die Ermittler weitere Einzelheiten bekanntgeben. Nach Polizeiangaben wurden die Leichen der Huren in der Nähe eines früheren Arbeitsplatzes Garridos gefunden. Er sei «eine Person von Interesse», berichtete der Radiosender KCBS am Samstag.
Kidnapper plädieren auf «nicht schuldig»
Am Freitag wurde gegen Garrido und seine Ehefrau Nancy Anklage erhoben. Sie müssen sich unter anderem wegen Entführung, Vergewaltigung und Freiheitsberaubung verantworten. Insgesamt liegen mehr als zwei Dutzend Anklagepunkte vor, doch die Kidnapper plädierten auf «nicht schuldig». Im Falle einer Verurteilung droht ihnen eine lebenslange Haft.
Die Polizei räumte gleichzeitig schwere Fehler ein. Die Behörden in Antioch nahe San Francisco hätten die Eheleute, die 1991 das elfjährige Mädchen Jaycee verschleppt, es 18 Jahre lang gefangen gehalten und sexuell missbraucht haben sollen, schon früher entdecken können. Obwohl Bewährungshelfer den vorbestraften Sexualstraftäter mehrfach zu Hause kontrollierten, wurden sie nicht auf das Versteck im Hinterhof des Anwesens aufmerksam.
2006 hatte eine misstrauische Nachbarin den Notruf gewählt. Sie beschrieb Garrido als «Psycho» und berichtete von den Kindern, die in Zelten lebten. Diesem Tipp hätte man mit mehr Nachdruck nachgehen sollen, sagte Sheriff Warren Rupf. Ein Beamter habe damals zwar mit Garrido in dessen Vorgarten gesprochen, aber nicht das Haus durchsucht. Der Ermittler wusste angeblich nicht, dass der Hausbesitzer bereits ein Vorstrafenregister als Sexualverbrecher hat. In einem Gartenversteck hinter dem Haus des Ehepaares wurde die jetzt 29 Jahre alte Jaycee Lee Dugard fast zwei Jahrzehnte gefangen gehalten. Garrido zeugte mit ihr zwei Kinder. Die Töchter der Entführten sind 11 und 15 Jahre alt. Jaycees Mutter, Terry Probyn, hatte ihre Tochter am Donnerstag erstmals wieder getroffen.
Das Wiedersehen brachte aber auch widersprüchliche Gefühle zum Vorschein, räumte Stiefvater Carl Probyn am Freitag ein. «Sie (Jaycee) fühlt sich schuldig, dass sie mit diesem Mann eine so enge Bindung eingegangen ist. Er hatte sie 18 Jahre, wir hatten sie nur 11 Jahre», sagte er der «New York Times». Seit ihrem Auftauchen am Mittwoch hat sich Dugard noch nicht öffentlich gezeigt. Sie halte sich mit ihrer Mutter und ihren Kindern in einem Hotel in Nordkalifornien auf, berichteten US-Medien.
Erstes Urteil gegen Garrido: 50 Jahre Haft
Die Ermittlungspannen der Polizei begannen nach einem Bericht der Zeitung «The Reno Gazette-Journal» schon 1993 - zwei Jahre nach der Entführung von Jaycee. Damals musste Garrido eine viermonatige Haftstrafe verbüßen, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte, doch sein Haus wurde offensichtlich nicht genau durchsucht.
Garrido verbüßte von 1977 bis 1988 eine Haftstrafe wegen Entführung und eines Sexualdelikts. In Reno (Nevada) hatte der damals 25-Jährige eine junge Frau in einem Schuppen eingeschlossen und vergewaltigt. Ursprünglich war er zu 50 Jahren Haft verurteilt wurden, kam aber nach 11 Jahren auf Bewährung frei. Seine Frau Nancy lernte er im Gefängnis kennen, als sie einen Mitgefangenen besuchte.
Garridos 88 Jahre alter Vater, Manuel Garrido, beschrieb seinen jüngsten Sohn als einen «kranken Mann». Er sollte bestraft, aber wie eine «verrückte Person» behandelt werden, sagte der in Nordkalifornien lebende Mann der «Los Angeles Times». Der Ärger habe schon in der Schule begonnen, nachdem der Junge die Droge LSD entdeckt hatte. «Damit ruinierte er sein Leben. Danach stellte er eine Menge verrückter Dinge an.» Nancy Garridos Verteidiger, Gilbert Maines, sagte Reportern am Freitag, dass er sich noch kein Bild von dem Geisteszustand seiner Mandantin machen konnte. «Sie sitzt auf der Anklagebank und weint», berichtete er nach dem Gerichtstermin.
Spitzname «gruseliger Phil»
In der Nachbarschaft hatte Phillip Garrido den Spitznamen «gruseliger Phil». Die Anwohner in dem ländlichen Vorort sahen den Mann als religiösen Spinner an, nicht aber als Entführer und Kinderschänder. Kathy Russo, deren Elternhaus an das Grundstück Garridos grenzt, sagte dem Sender KCBS, dass sie keine Ahnung davon hatte, was sich in dem «Haus des Horrors» abspielte. «Es ist so traurig, wie diese Kinder leiden mussten, während wir nebenan beim Grillen und Feiern Spaß hatten.»










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