Fußball, Europa League

Schon lange hat es in der Europa League nicht mehr ein so spektakuläres Endspiel wie Ajax Amsterdam gegen Manchester United gegeben.

23.05.2017 - 15:56:05

Ajax gegen Man United - Ein «Giganten-Duell» im Schatten des Terrors. Doch über Fußball redet am Tag vor diesem Finale in Stockholm niemand mehr.

Stockholm/Manchester - Tief betroffen standen die Stars von Manchester United auf ihrem Trainingsplatz und schwiegen. Das Abschlusstraining vor dem Europa-League-Endspiel gegen Ajax Amsterdam (Mittwoch, 20.45 Uhr/Sky und Sport1) geriet am Dienstag zu einer einzigen Demonstration der Solidarität und des Mitgefühls mit den Opfern des schweren Terroranschlags in der englischen Stadt.

«Bleib stark, Manchester!», schrieb der United-Spieler und frühere Dortmunder Bundesliga-Profi Henrich Mchitarjan via Twitter dazu. Und sein Trainer José Mourinho sagte: «Wir sind alle sehr traurig und können die Opfer und ihre Familien nicht aus unseren Gedanken und unseren Herzen streichen. Aber wir haben einen Job zu erledigen und fliegen nach Schweden, um das zu tun. Auch wenn wir das nicht mit der Freude tun können, die wir sonst immer vor großen Spielen haben.»

Ajax gegen Man United in Stockholm - das war noch bis zu dem Bombenanschlag in der Nacht zu Dienstag das vielleicht namhafteste und geschichtsträchtigste Finale in der Historie der Europa League. «Zwei Giganten prallen aufeinander», schrieb der europäische Verband UEFA auf seiner Internetseite voller Stolz.

Doch nach den 22 Todesopfern und 59 Verletzten bei einem Popkonzert in der Manchester Arena wird auch der Fußball erneut vom Terror überschattet. Denn die Mannschaft von Manchester United flog am Dienstag aus einer Stadt, die gerade unter Schock steht, in eine Stadt, die erst vor anderthalb Monaten das Ziel eines Anschlags war. Im Endspielort Stockholm raste am 7. April ein Lastwagen in die Fußgängerzone und riss fünf Menschen in den Tod.

Immerhin: Die Sicherheitsvorkehrungen in der schwedischen Hauptstadt müssen am Finaltag nicht mehr groß erhöht werden. Sie seien allein schon in der Folge des 7. April besonders hoch, teilte die UEFA mit. Die Frage ist vielmehr, wie die Spieler von United die schrecklichen Ereignisse in der kurzen Zeit zwischen Anschlag und Anpfiff aus dem Kopf kriegen. Schließlich wurde das Konzert der US-Sängerin Ariana Grande auch von zahlreichen Fans, Club-Angestellten und Kindern von Partner-Schulen der Manchester United Stiftung besucht.

Der sechsmalige Europapokal-Sieger Ajax spielt zum ersten Mal seit 21 Jahren wieder um einen internationalen Titel. Und dennoch ist das Finale von Stockholm für Manchester United noch ungleich wichtiger. Der englische Rekordmeister leistet sich einen der bekanntesten Trainer (José Mourinho) und den teuersten Spieler (Paul Pogba) der Welt, wurde in der Premier League aber trotzdem nur Sechster. Der Gewinn der Europa League ist folglich die letzte Chance, um doch noch die Champions League zu erreichen und sich dadurch für weitere Stars wie Antoine Griezmann (Atlético Madrid) attraktiv zu machen.

«Dieses Spiel ist eine Chance, wieder eine europäische Trophäe zu gewinnen, in die Champions League zurückzukehren und diese Saison auf eine perfekte Weise zu beenden», sagte Mourinho deshalb auch. Noch zu Beginn dieser Europa-League-Saison hatte der Portugiese ganz anders geklungen: «Das ist kein Wettbewerb, den Manchester United will. Und das ist kein Wettbewerb, den ich will», tönte er da.

Gegner Ajax sprach den Engländern am Dienstag sein Mitgefühl aus. «Von Amsterdam mit Liebe zu Manchester. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und den Angehörigen der Betroffenen», twitterte der Club.

Bei aller Solidarität, die da zum Ausdruck kommt, und aller Tradition, die diese beiden großen Namen des europäischen Fußballs verbindet: Ajax gegen United ist ein Duell der Gegensätze. Während Manchester allein vor dieser Saison insgesamt 185 Millionen Euro für Spieler wie Pogba (Juventus Turin) und Mchitarjan (Borussia Dortmund) ausgab, bleiben die Niederländer ihrer Philosophie schon seit Jahrzehnten treu: Dieser Verein kauft keine teuren Stars, er bildet sie selbst aus. Als der UEFA-Cup-Sieger von 1992 im Halbfinale den Geheimfavoriten Olympique Lyon mit 4:1 schlug, waren sieben von elf Spielern der Startformation erst 21 Jahre oder jünger.

«Manchester hat das größere Budget und die größere Erfahrung», sagte der Amsterdamer Trainer Peter Bosz, der 1998 für Hansa Rostock spielte und jetzt in Heiko Westermann und Amin Younes noch zwei weitere ehemalige Bundesliga-Profis in seinem Aufgebot hat. «Aber auch wir haben ein gutes Team. Sonst wären wir jetzt nicht hier.»

@ dpa.de

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