Seit 18 Jahren pflegt Udo Hilfers verletzte Weißstörche: Vorsichtig steigt ein Weißstorch in den Horst zu seinem Nachwuchs. Die Jungtiere strecken ihm ihre kleinen Schnäbel gierig entgegen. Der Brutplatz befindet sich nicht etwa auf einem Baum oder Haus, sondern nur wenige Zentimeter über dem Erdboden.
Vergrößern Seit 18 Jahren pflegt Udo Hilfers verletzte Weißstörche | Bild: © ddp

Denn das Männchen ist wegen einer Verletzung stark gehbehindert, der Storchenmutter musste nach einer Kollision mit einer Stromleitung ein Flügel amputiert werden. «In freier Wildbahn könnten diese Störche nicht überleben», sagt Udo Hilfers. «Bei uns können sie sogar noch gemeinsam Nachwuchs aufziehen.» Seit 18 Jahren betreibt der 53-Jährige in Berne (Wesermarsch) eine Storchenpflegestation, die als bundesweit größte ihrer Art gilt.

Störche, die beispielsweise in Windräder oder gegen Stromleitungen geflogen sind und dabei schwer verletzt wurden, bekommen bei Hilfers eine zweite Chance. Gemeinsam mit seiner Frau Anke und seinen Kindern pflegt er die Tiere und bietet ihnen in der Station ein neues Zuhause, wenn sie in der Natur nicht mehr allein klarkommen. Mehr als 30 «Dauerpatienten» werden in dem rund 4000 Quadratmeter großen Gehege das ganze Jahr über versorgt. Zum Brüten hat Hilfers die bodennahen Horste gebaut.

Die Station bedeutet für den 53-Jährigen viel Arbeit neben seinem Job in einem Autozuliefererbetrieb. Doch die nehme er gern in Kauf, sagt Hilfers, der sich seit seiner Kindheit für Störche begeistert. Wohl nicht zuletzt wegen seines Engagements stieg seit Gründung der Station der Bestand der Weißstörche in der Region deutlich an. 1992 habe es nur noch fünf Storchenpaare im Landkreis Wesermarsch gegeben. «Mittlerweile leben im Landkreis wieder über 80 Paare», sagt Hilfers zufrieden.

Zahlreiche davon brüten in der Nähe der Station. Denn nicht nur verletzte, sondern auch gesunde Störche fühlen sich offenbar bei ihm wohl. In der Baumbrutkolonie nisten rund 50 gesunde Storchenpaare. «Viele davon kommen jedes Jahr zurück», sagt Hilfers. 'Denn jeder Storch will im Frühjahr sein Nest erneut beziehen.» Wenn bei der Rückkehr aus dem Süden das auserwählte Nest bereits besetzt sei, komme es schon mal zu ausgedehnten Kämpfen. «Dann geht es heiß her», berichtet Hilfers. Das typische Storchenklappern könne dann «richtig laut» werden.

Um bei Instandhaltung und Reparatur der Horste, der Beringung der Jungstörche sowie der Biotoppflege ab und an eine helfende Hand zu haben, gründete Hilfers 2006 den gemeinnützigen Verein Storchenpflegestation Wesermarsch. Rund 350 Mitglieder zählt der Verein mittlerweile. Gefördert wird die ehrenamtliche Station auch von der niedersächsischen Landesregierung.

Gerne informieren Hilfers und seine Frau Touristengruppen, Schulklassen und Interessierte über ihre Artenschutzbemühungen. Sehr genau wird darauf geachtet, dass die Störche nicht gestört werden. «Wir wollen die Tiere nicht falsch prägen», betont Hilfers. Deshalb dürfen die Besucher auch nicht unmittelbar ans Gehege. Um die Vögel dennoch gut beobachten zu können, hat Hilfers ein großes Fernrohr aufgestellt.

NABU-Storchenexperte Kai-Michael Thomsen begrüßt Stationen wie die in der Wesermarsch. Zwar schwanke der Weißstorchbestand in Deutschland seit den 1990er Jahren rund um 4000 Paare. Damit bestehe derzeit kein Grund zur Sorge. Dennoch befürchtet Thomsen für die Zukunft einen Rückgang.

Denn geringere Bestände in Teilen Ostdeutschlands mit intensiver Landwirtschaft wiesen darauf hin, dass die Störche zunehmend unter den sich verändernden Verhältnissen der Agrarwirtschaft litten. «Auf Dauer sind die Bedingungen für die Störche wegen der steigenden Zahl von Biogasanlagen und durch Maisanbau genutzte Flächen nicht mehr so attraktiv», sagt Thomsen. Störche bräuchten feuchtes Grünland, das periodisch überschwemmt wird. Doch diese Flächen werden in Deutschland immer weniger.

ddp