Seeräuber - Hessischer Ingenieur entwickelt Schallkanone: Schallwellen sollen Seeräuber unschädlich machen - Verhaltene Resonanz der Reeder Mit seinen Händen formt Diplom-Ingenieur Lothar Hügin ein Luftgebilde, kaum größer als ein Aktenkoffer. So klein sei der Kompressor des Herbertzhorns, den der 45-Jährige im Safe vor der Öffentlichkeit abschirmt. Seit kurzem ist das Gerät auf dem Markt. 100 000 Euro soll es kosten und den Reedern Verluste durch Piraterie in Millionenhöhe ersparen.
Vergrößern Seeräuber - Hessischer Ingenieur entwickelt Schallkanone | Bild: ©

Darauf hofft zumindest der Kasseler Sicherheitsunternehmer Hügin.

2007 wurden er und sein Team aus Wissenschaftlern um den kürzlich verstorbenen Physikprofessor und Ultraschallforscher Joachim Herbertz durch einen Fernsehbeitrag auf die Piratenproblematik aufmerksam. «Wir haben viel darüber diskutiert, wie man die Schifffahrt sicher machen könnte.» Das Ergebnis der jahrelangen Forschungen ist ein zehn Kilogramm schwerer Stahlkasten mit einem Hornaufsatz, der auf Fotos aussieht wie eine Satellitenschüssel.

«Dem Prinzip nach funktioniert das Horn wie eine Orgelpfeife: mit Pressluft», verdeutlicht Hügin seine Erfindung. Dadurch schafft das Gerät eine Maximalleistung von 175 Dezibel und ist damit lauter als eine startende Rakete. Die erreicht etwa 140 Dezibel. Ursprünglich entwickelt wurde das Herbertzhorn für die Piratenabwehr speziell in gefährlichen Gewässern wie dem Golf von Aden. «Reeder haben die Möglichkeit, das Gerät in einen Container zu integrieren. Man könnte dann, sobald ein Schiff den Golf von Aden passiert hat, das Horn per Hubschrauber auf dem nächsten Schiff installieren. Das bringt eine große Zeit- und Geldersparnis», hofft Hügin. «Da entstehen doch jährlich Schäden in Millionenhöhe.»

Zu den finanziellen Auswirkungen der Piraterie wollte sich weder der Verband deutscher Reeder, noch das International Maritime Bureau (IMB), eine Organisationseinheit der internationalen Handelskammer, äußern. Laut Berichten des IMB steht jedoch fest, dass die Zahl der Piratenüberfälle vor Somalia auch im Jahr 2009 wieder angestiegen ist. «Grund dafür ist die miserable Versorgungssituation im zerfallenen Somalia», erklärt Afrikaexpertin Franziska Ulm von Amnesty International. «Ein großer Teil der Bevölkerung lebt vom Fischfang, doch die Gewässer wurden von Trawlern aus anderen Ländern abgefischt.»

Das Resultat seien Hunger und Armut. Durch fehlende Staatsstrukturen und die Bürgerkriegssituation in Somalia hätten Kriminelle von staatlicher Seite wenig zu befürchten, berichtet Ulm. Bis Ende September attackierten somalische Piraten insgesamt 100 internationale Frachtschiffe. Oft ohne Erfolg. Nur eines von neun Schiffen konnten Piraten laut IMB in ihre Gewalt bringen.

Dank Hügins Schallkanone sollen es aber bald noch weniger sein. «Durch seine Leistungsfähigkeit von maximal 175 Dezibel kann es Angreifer bis zu einem halben Kilometer auf Distanz halten.» Außerdem lasse sich das Herbertzhorn punktgenau auf Angreifer richten, erklärt Hügin die «Waffe», die er eindeutig als Verteidigungsgerät verstanden wissen will. «Wir wollen erreichen, dass es gar nicht zu Attacken kommt, sondern Angreifer durch den enormen Schall in die Flucht geschlagen werden. Wenn man natürlich direkt vor dem Horn steht, verursacht es sicher erhebliche körperliche Schäden.»

Das untermauert auch Mediziner Jürgen Silber aus Kassel: «Schon ab 140 Dezibel kann es zu einer dauerhaften Schädigung des Trommelfells kommen.» Dennoch ist der HNO-Arzt skeptisch, was die Effizienz des Geräts betrifft: «Auf eine Entfernung von 500 Metern bleiben von den 175 Dezibel nur noch etwa 120 übrig. So laut ist etwa eine Motorsäge. Wenn man da einen guten Gehörschutz trägt, passiert wenig.» Im Bereich von 100 Metern kann so ein Gerät laut Silber aber durchaus gesundheitsgefährdend sein.

Ob die Schallkanone aus Kassel jemals im Kampf gegen die Piraterie zum Einsatz kommt, ist ungewiss. Eine Sprecherin der Container-Reederei Hapag Lloyd aus Hamburg hält sich bedeckt: «Wenn ich dazu jetzt was sage, dann wissen ja alle schon Bescheid.» Wenn überhaupt, wird wohl in den Häfen nur heimlich aufgerüstet werden. Anfragen von Gebäudeschützern liegen Hügin dagegen schon vor.

Kassel (ddp-hes)