Schlechte Zeiten für den Eiswein: Schon beim Klang der in den Eimer fallenden Trauben wird Winzergehilfe Andreas Amthor skeptisch. 'Eigentlich müssten sie klappern wie Nüsse', sagt er. Auch seinem Chef Christian Reiss vom gleichnamigen Würzburger Weingut ist klar, dass die Eisweinlese in diesem Jahr alles andere als optimal verläuft. 'Es ist nicht ausreichend kalt', sagt er am Dienstag kurz vor Sonnenaufgang.
Vergrößern Schlechte Zeiten für den Eiswein | Bild: © dapd

Würzburg (dapd-bay).

Das Thermometer am Würzburger Pfaffenberg zeigt knapp minus sieben Grad Celsius an. Durch die gefrorene Flüssigkeit in den Trauben wird zwar der gesetzlich geforderte Mindestwert von 125 Grad Oechsle erreicht. 'Aber ich bezweifle, dass es was wird mit dem Eiswein', sagt Winzer Reiss. 'Von der Stilistik her geht es wohl eher in Richtung edelsüßer Wein.'

Seit 1999 produziert Reiss auch Eiswein. Der im Januar 2012 gelesene Eiswein gehört noch zum Erntejahr 2011. Schon jetzt steht fest: An die Spitzenwerte des Jahres 2006, als die gefrorenen Beeren ein Mostgewicht von 200 Grad Oechsle brachten, wird dieser Jahrgang sicher nicht herankommen.

Auf einer Anbaufläche von gut 1.500 Quadratmetern hat der Winzer die Trauben bis zum Frost hängen gelassen. Er erhofft sich davon, 100 Liter des bei Gourmets begehrten Rebensafts gewinnen zu können. Die Halbliterflasche der in Handarbeit gelesenen Kostbarkeit ist entsprechend teuer und wird zwischen 50 und 70 Euro kosten.

Reiss, ein vielfach ausgezeichneter Weingutsbesitzer, ist froh, dass es in diesem Winter überhaupt noch einmal Nachtfrost gab: 'Es war in diesem Jahr eine Zitterpartie.' Länger habe man nicht warten können, weil die Trauben durch den Regen im Dezember und die Stürme ohnehin schon genug strapaziert worden seien.

Im Gegensatz zu dem 43-Jährigen haben sich viele andere Betriebe auf das Wagnis Eiswein diesmal gar nicht eingelassen. Nach Angaben des fränkischen Weinbauverbands gaben nur zehn Betriebe entsprechende Meldungen ab, darunter die Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim. Hier wurde ebenfalls am frühen Dienstagmorgen Eiswein gelesen. Beim Silvaner wurden 153 Grad Oechsle gemessen. 'Für uns war es jetzt höchste Zeit', sagt der Leiter der Abteilung Weinbau, Hermann Kolesch. Die Eisweinlese sei das 'i-Tüpfelchen' auf einen 'turbulenten Jahrgang' gewesen, fügt er mit Blick auf die massiven Ernteausfälle durch Frostschäden im Mai vergangenen Jahres hinzu.

Auch der Leiter der Weinbaufachberatung beim Bezirk Unterfranken, Hermann Mengler, weiß, dass in diesem Jahr nur wenige Betriebe Eiswein gelesen haben. 'Und es hat gerade noch einmal funktioniert', fasst er die Rückmeldungen zusammen.

Geht die Tradition der Eisweinlese zu Ende? Angesichts der spürbaren Klimaveränderungen mit mehr Niederschlägen und wärmeren Durchschnittstemperaturen sagen Experten der Weinspezialität generell keine gute Zukunft voraus. Auch Winzer Christian Reiss blickt skeptisch in die Zukunft: 'Eisweinlese wird sicher seltener werden.'

dapd