Leipzig (dapd-lsc). 800 Bände hat die Bibliothek von Karl Ferlemann umfasst - sehr viele Bücher für einen Arbeiterhaushalt. Die Bücher des aus Leipzig stammenden kommunistischen Widerstandskämpfers wurden während des Nationalsozialismus komplett beschlagnahmt und an die Universitätsbibliothek Leipzig übergeben. Die Leipziger Bibliothek profitierte in großem Umfang davon, dass Polizei und SA Bücher beschlagnahmten, die als 'schädliches und unerwünschtes Schrifttum' eingestuft worden waren.
Rund 6.000 Bücher hat die Bibliothek unrechtmäßig erworben, ergab ein Forschungsprojekt der Universitätsbibliothek, das Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) finanziell unterstützt hat. 'Es ist ein Bemühen um Ehrlichkeit', erklärt Bibliotheksdirektor Ulrich Johannes Schneider die Forschungsarbeiten, 'es hat damals an der Universitätsbibliothek einen unreflektierten Umgang mit Raubgut gegeben.' Ergebnisse der Forschungen sind noch bis zum 18. März in einer Ausstellung in der Bibliotheca Albertina, dem 1891 eröffneten Hauptgebäude der Universitätsbibliothek, zu sehen.
Für das Projekt überprüfte die stellvertretende Leiterin des Bereichs Medienbearbeitung, Cordula Reuß, mit Mitarbeitern rund 12.000 Werke des etwa fünf Millionen Bücher umfassenden Bestands der Bibliothek. Von den 6.000 Büchern, die als unrechtmäßig erworben eingeschätzt werden, konnten 1.455 einem Vorbesitzer zugeordnet werden - etwa durch handschriftliche Einträge oder Stempel. Eine Rückgabe an frühere Besitzer sei möglich, sagt der Bibliotheksdirektor.
'Heute interessiert uns auch stark, welche Geschichte Bücher haben', sagt Schneider, 'Bibliotheken werden als kulturelle Einrichtungen ernster genommen.' Ausgewertet wurde dabei nicht nur, wie man vermuten könnte, der Zeitraum der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933 bis 1945, sondern auch von 1953 bis 1973. Von 1953 an existierte die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände, zunächst bis 1959 bei der Forschungsbibliothek Gotha, danach war sie bis 1995 bei der Staatsbibliothek Berlin angesiedelt. 'Wir hatten bei Stichproben Bücher jüdischer Herkunft gefunden, die über die Zentralstelle zu uns gekommen waren', erinnert sich Reuß. 'Es handelt sich vermutlich um Bücher aus anderen Bibliotheken der früheren DDR, die als Raubgut dorthin gelangt und dann als Dubletten an die Zentralstelle abgegeben worden waren.'
Für den Zeitraum der NS-Herrschaft erwies es sich als große Hilfe, dass ein spezielles Buch, in dem die vom damaligen Leipziger Polizeipräsidium beschlagnahmten Bücher aufgelistet und mit der Bezeichnung 'P' versehen worden waren, noch erhalten ist. 'Dieses Zugangsbuch war eine unserer wichtigsten Quellen', befindet Reuß. Schon für die Zeit ab Mai 1933, wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933, finden sich Belege für das Beschlagnahmen von Büchern, die als Raubgut einzugruppieren sind. Die Werke stammten von Verlagen, Buchhandlungen, Antiquariaten, Werksbibliotheken und Bibliotheken verfolgter Organisationen. Der damalige Direktor Otto Glauning (1876-1941) erließ bereits im Juni 1933 'Richtlinien für die Behandlung verbotenen Schrifttums'.
'Es lässt sich keine umfangreiche Geschichte über bibliothekarischen Widerstand erzählen', sagt der heutige Bibliotheksdirektor Schneider. Dies wird besonders deutlich bei dem Nachfolger Glaunings, Fritz Prinzhorn (1893-1967), der der Bibliothek von 1939 an vorstand. Er sei ein überzeugter Nationalsozialist gewesen und schon 1933 in die NSDAP eingetreten, berichtet Reuß. Prinzhorn gilt als wichtiger Vertreter der nationalsozialistischen Buchpolitik, einschließlich der Beschlagnahme 'schädlichen und unerwünschten Schrifttums'.
Eine Mitarbeiterin der Bibliothek will in seiner Wohnung seine SS-Uniform gesehen haben. Im Jahr 1940 nahm Prinzhorn neun jüdische Gebetsrollen aus einer Synagoge aus dem polnischen Krosniewice in Empfang, die die Wehrmacht dort geraubt hatte. 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ließ er die Thorarollen im Dachboden der Bibliothek einmauern, um Spuren zu verwischen, wie Schneider und Reuß vermuten. Beim Umbau der Bibliothek wurden die Rollen 1998 schließlich entdeckt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Prinzhorn im Oktober 1945 als einer der ersten zehn Professoren der Universität Leipzig wegen seiner nationalsozialistischen Gesinnung vom Dienst suspendiert, durfte jedoch nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 wieder in den Bibliotheksdienst zurückkehren. Trotz Protesten von NS-Opfern wurde er 1951 zum Direktor der Bibliothek des Auswärtigen Amts in Bonn ernannt. Karl Ferlemann, dessen Bibliothek die Universitätsbibliothek erhalten hatte, war hingegen 1945 nach einem KZ-Aufenthalt auf einem Todesmarsch nahe Schwerin ums Leben gekommen.
dapd


Forum
Facebook
Twitter





















