Proteste gegen das Aus für Lübecker Medizinstudium: Eigentlich müssten sie jetzt für die in wenigen Wochen anstehenden Klausuren lernen. Stattdessen stehen die Lübecker Medizin-Studenten in kleinen Grüppchen vor dem Asta-Büro, einen Packen gelber «Lübeck kämpft für seine Uni»-Plakate unter dem Arm und Wut im Gesicht.
Vergrößern Proteste gegen das Aus für Lübecker Medizinstudium | Bild: © ad-hoc-news
Galerie mit 2 Bildern

In der vergangenen Woche hat die schwarz-gelbe Landesregierung angekündigt, das Medizin-Studium in Lübeck im Rahmen eines umfangreichen Sparpakets zur Sanierung des Landeshaushaltes 2012 auslaufen zu lassen.

Der Farbkopierer spuckt im Sekundentakt Flyer aus, während Linda Krause mit einigen Kommilitonen bespricht, wo man sie am besten auslegt. «So richtig realisiert hat es noch keiner, aber alle kommen und fragen, wie sie helfen können», sagt die Asta-Vorsitzende. Sie studiert Biomathematik, ein Studiengang, der aktuell zwar nicht von Schließung bedroht ist. «Aber uns allen ist klar, dass die Zukunft der ganzen Universität auf dem Spiel steht.»

Das angekündigte Aus für das Medizin-Studium hat die meisten auf dem Campus überrascht. «Das kam wie aus heiterem Himmel», sagt Uni-Präsident Peter Dominiak. Die Streichung des Medizinstudienganges treffe Lübeck mitten ins Herz. Da die weiteren vier Studiengänge eng mit der Medizin verknüpft seien, bedeute die Entscheidung der Landesregierung «den Tod der Uni Lübeck».

«Man weiß nicht, ob man weinen oder schreien soll», sagt Medizinstudentin Susanne Himmelsbach. Sie studiert im achten Semester und wird laut Landesregierung ihr Studium in Lübeck noch beenden können. Aber die Ungewissheit ist groß. «Die Dozenten werden sich sicher so schnell wie möglich etwas anderes suchen», sagt sie und befürchtet, dass auch die klinische Ausbildung leiden wird: «Ich glaube nicht, dass alle Ärzte bleiben werden. Wer soll uns dann ausbilden?» Es gebe sowohl unter Dozenten als auch unter Ärzten einige Koryphäen wie etwa den Schlafforscher und Leibniz-Preisträger Jan Born. «Die werden doch woanders mit Kusshand genommen.»

Schon die Pläne, das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein zu privatisieren hätten Zweifel und Befürchtungen ausgelöst. Damit hätte man sich noch arrangieren können, sagt Himmelsbach. «Aber dass der Studiengang ganz wegfallen soll, ist einfach unfassbar.»

Auch unter den Informatikstudenten herrsche Ratlosigkeit, sagt Lukas Ruge. Der 25-Jährige ist wegen des Schwerpunktes Medizinische Informatik nach Lübeck gekommen. «Wir haben viele gemeinsame Vorlesungen und Projektarbeiten, wie soll das jetzt weitergehen?» Die guten Professoren werden auch in der Informatik das Weite suchen, befürchtet er. Viele studieninteressierte Abiturienten haben ihn bereits gefragt, ob man sich überhaupt noch in Lübeck um einen Studienplatz bewerben sollte: «Was soll ich denen denn antworten?»

Ruge zuckt hilflos mit den Schultern. Auch die, die schon mitten im Studium sind, seien «einfach nur fertig mit den Nerven», sagt er. Die Professoren seien «total geplättet». «Man merkt, dass sie Angst vor der Zukunft haben. Wieso hat niemand gefragt, wo und wie man einsparen kann? Wieso haben die uns einfach so überrumpelt?»

Man lasse sich nicht so einfach unterkriegen, sagt der 28 Jahre alte Informatikstudent Michael Drehfah. Die Landesregierung könne sich auf einiges gefasst machen. Der Asta will Proteste organisieren, kündigt die Asta-Vorsitzende Krause an. «Man hat so viel Wut in sich», sagt sie. Nur mit Argumenten könne man die Politiker von CDU und FDP überzeugen. Wichtig sei es, schnell zu handeln, bevor der Ruf der Uni leide, sagt Krause.

Und so werden unzählige Plakate gedruckt, Pressemitteilungen geschrieben und Flyer verteilt. Am 16. Juni ist ein Protestzug in der Landeshauptstadt geplant. Unterstützung bekommen die Studenten dabei vom Präsidium der Uni, Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften, Kirchen und der Stadt, die um den Medizintechnikstandort und zwei geplanten Fraunhofer-Instituten fürchtet und mehrere 1000 Arbeitsplätze bedroht sieht.

Und falls alle Proteste nichts bringen? An die Uni Kiel wechseln, um zu Ende zu studieren, würde sie jedenfalls nicht, sagt Medizinstudentin Himmelsbach. «Nach Kiel geht man nur, um zu demonstrieren.»

ddp