«Die Nonnen haben mich mächtig geprügelt und erpresst», erinnerte sich die heute 56 Jahre alte Sigrid Hübner, die gemeinsam mit etwa 250 weiteren Opfern und Sympathisanten in der Hauptstadt demonstrierte. Sie forderten mehr Mitspracherecht bei der Aufarbeitung der Fälle, eine Entschuldigung von Staat und Kirche sowie eine Entschädigung.
«Sie rissen mir die Haare raus und schlugen mich mit Kleiderbügeln», berichtete Hübner, während sie nervös an ihrer Zigarette zog. Die ersten vier Jahre ihres Lebens musste sie in einem Berliner Kinderheim verbringen. «Liebevolle Nonnen» habe es dort nicht gegeben. Aus Angst vor Prügeln müsse sie sich auch heute - 50 Jahre später - ständig umdrehen. Weder eine Entschädigung noch Einsicht in die Akten von damals habe sie erhalten.
Zu dem Protestzug durch Berlin-Mitte hatte die Initiative ehemaliger Heimkinder unter dem Motto «Jetzt reden wir» aufgerufen. Männer und Frauen hielten Schilder mit Aufschriften wie «Gemeinsam sind wir stark» oder «Gefühle bleiben in Erinnerung» in die Höhe. Viele trugen schwarze T-Shirts mit einem weinenden Kleinkind als Aufdruck. Teilnehmer skandierten Sprüche wie «Kirche und Staat haben wir satt». Die mobile «Prügel-Nonne» hatte der Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly entworfen, der sonst an Karneval Mottowagen baut.
Der Veranstalter sprach von der ersten Protestaktion dieser Art seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in kirchlichen und staatlichen Heimen, Schulen und Einrichtungen. Im Januar waren erste Fälle sexuellen Missbrauchs am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin öffentlich gemacht worden. Daraufhin meldeten sich aus weiten Teilen der Bundesrepublik beinahe täglich weitere Opfer.
Die Vorsitzende der Initiative ehemaliger Heimkinder, Monika Tschapek-Güntner, kritisierte vor allem die Arbeit des Runden Tisches Heimerziehung. «Wir können uns nicht mit leeren Phrasen und Entschuldigungen zufrieden geben», kommentierte Tschapek-Güntner die Arbeit des Gremiums, das vor einem Jahr zur Aufarbeitung der Vorfälle in deutschen Heimen in den 50er und 60er Jahre gegründet wurde. Viele Vorfälle würden verharmlost, Missbrauchsopfer seien unterrepräsentiert.
Bereits am Donnerstag gab es erste Reaktionen auf die Forderungen der Opfer. Der amtierende Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, zeigte sich offen für eine Entschädigung traumatisierter Heimkinder. «Die Kirchen werden sich der Forderung nach materieller Entschädigung für erlittenes Leid in staatlichen und kirchlichen Kinderheimen nicht entziehen», sagte Schneider im RBB-Inforadio. Das Problem sei, dass es für Entschädigungen momentan keine rechtliche Grundlage gebe.
Berlin (ddp)


Forum
Facebook
Twitter





















