Porzellan statt Chemie: In Frankfurt-Höchst erinnert ein Museum an die zweitälteste Porzellanmanufaktur Deutschlands
Vergrößern Porzellan statt Chemie | Bild: ©

Frankfurt-Höchst (ddp-hes). Noch immer gilt der Name des Frankfurter Stadtteils Höchst vielen Menschen als Synonym für harte Arbeit und beißende Dämpfe der Chemieindustrie. Im 18. Jahrhundert war das anders: Ein Hauch von Luxus schwang stets mit, wenn der Name des kleinen Städtchens fiel. Denn die dortige Porzellanmanufaktur schuf ab 1746 edles Geschirr und Accessoires für die oberen Zehntausend. Im Höchster Porzellanmuseum sind diese Raritäten zu sehen. Sie zeigen beste handwerkliche Kunst und verdeutlichen, wie sehr sich Tafelkultur und Lebensart in den vergangenen 250 Jahren verändert haben.

Betrieben wird das Höchster Porzellanmuseum als eine Zweigstelle des Historischen Museums Frankfurt. Es ist im Kronberger Haus untergebracht, einem ehemaligen Adelspalais in der Höchster Altstadt. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1994 ist es kräftig gewachsen. «Als wir vor 15 Jahren anfingen, haben wir rund 700 Exponate gezeigt», sagt Museumsleiterin Patricia Stahl, «heute sind es fast 1900».

Zwar ist auch modernes Design zu sehen, das aus der nach dem Zweiten Weltkrieg wieder belebten Manufaktur stammt. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den Produkten der kurfürstlichen Manufaktur des 18. Jahrhunderts. Eine Herausforderung für die Museumsmacher, denn für den Laien ist häufig nicht erkennbar, welchen Nutzen die Exponate einmal hatten. «Deswegen ist es mir ganz wichtig zu zeigen, was man mit den ausgestellten Dingen gemacht hat», erklärt Stahl.

Ihr Konzept: Sie stellt den Exponaten Gemälde oder Kupferstiche zur Seite, die deren Nutzung verdeutlichen sollen. So lassen sich viele Porzellangegenstände, die beispielsweise auf dem Bild einer adligen Dame bei der Morgentoilette zu sehen sind, auch in den Vitrinen des Museums wiederfinden.

Ein Besuch im Porzellan-Museum ist gleichzeitig eine Zeitreise in Barock und Rokoko, als die feinen Herrschaften das gerade in Mode gekommene Speiseeis aus Glaciers löffelten, ihre Schokolade aus Untertassen schlürften oder ihre Korrespondenz mit Hilfe aufwendiger Schreibgarnituren erledigten. Die Höchster Porzellan-Macher bedienten den Zeitgeist mit den entsprechenden Geschirren und Accessoires. «So lässt sich mit Hilfe des Porzellans am praktischen Nutzen Kulturgeschichte demonstrieren», sagt Stahl.

Immer wieder versucht die Kunsthistorikerin auch, Einzelteile in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Dazu gehören verschiedene Festtafeln, die sie nach historischen Plänen rekonstruiert hat. Neben Tellern und Besteck findet sich darauf alles, was eine Festtafel im 18. Jahrhundert ausmachte: kunstvoll verzierte Platten zum Anrichten der Speisen, mächtige Terrinen zum Warmhalten und figürliche Tafelaufsätze mit Szenen aus Mythologie und Alltag, die den Gästen barocker Festmahle als Ausgangspunkt gepflegter Konversation dienen sollten.

Ein großes Budget steht der Museumsleiterin für das Höchster Haus nicht zur Verfügung. Zwar gebe es einen kleinen Etat für Ankäufe, doch «vieles musste ich mir zusammensponsern», sagt Stahl und zeigt auf einige Vitrinen: «Das sind beispielsweise alte Laborschränke der Höchst AG.» Umso mehr freut sie sich über Stiftungen und Dauerleihgaben, die das Museum seit seiner Eröffnung stetig anwachsen ließen.

Der Eintritt kostet 2,50 Euro (ermäßigt 1,20 Euro), geöffnet ist samstags und sonntags sowie an Feier- und Brückentagen von 11.00 bis 18.00 Uhr. Rund 3000 Besucher pro Jahr besuchen derzeit das Museum. «Da würden wir uns natürlich noch mehr wünschen», räumt Stahl ein. Helfen könnten dabei die Bemühungen, den gesamten Stadtteil als «Porzellanstadt Höchst» zu vermarkten, wie dies ein von Stadt und Museum gemeinsam herausgegebener Prospekt bereits tut. Dieser dient als Wegweiser zu den Stationen Höchster Porzellangeschichte. Und auch die Manufaktur selbst bietet Interessierten mittlerweile Führungen und einen Direktverkauf an. Vielleicht ein Anfang, um mit dem Image vom Chemiestandort Höchst endgültig aufzuräumen.

(ddp)