Fußball, WM

Nach der Veröffentlichung von Details aus dem Garcia-Bericht stellt die FIFA die Erkenntnisse des einstigen WM-Chefermittlers zu Katar und Russland ins Internet.

27.06.2017 - 20:04:05

Zur WM-Vergabe 2018 und 2022 - FIFA stellt Garcia-Report online - Zweifel bleiben. Der Report gewährt Einblicke in ein total verdorbenes System. Korruption konnte Garcia nicht beweisen.

Berlin - Die FIFA ist in der Dauerdebatte um die skandalumtoste WM-Vergabe an Russland und Katar in die Offensive gegangen und hat den lange unter Verschluss gehaltenen Garcia-Bericht veröffentlicht.

Krasse Selbstbedienungsmentalität, dreiste Selbstgefälligkeit, aber kein klarer Beweis für eine gezielte Einflussnahme auf die umstrittene WM-Vergabe an Russland und Katar: Mit der plötzlichen Veröffentlichung Reports hat die FIFA einen Einblick in ihre Erkenntnisse der viel diskutierten Turnier-Entscheidung gegeben.

Auf 430 Seiten beschrieb der US-Jurist und FIFA-Chefermittler Michael Garcia im Jahr 2014 eine Vielzahl von Ungereimtheiten - besonders im Zusammenhang mit der Katar-Kandidatur. Eine Empfehlung für eine international geforderte Neuvergabe der WM findet sich in dem Bericht aber nicht - weder für das Turnier in Katar noch für die WM im kommenden Sommer in Russland.

Der Fußball-Weltverband reagierte mit diesem überraschenden Manöver auf das erstmalige Durchsickern von Details des Reports in der «Bild»-Zeitung am Montagabend. «Im Sinne der Transparenz begrüßt die FIFA die Neuigkeit, dass dieser Bericht nun endlich veröffentlicht wurde», hieß es einer Pressemitteilung. Damit solle «die Verbreitung irreführender Informationen» verhindert werden.

In seiner Zusammenfassung kommt Garcia zu dem Schluss, dass vor allem FIFA-Wahlmänner statt der Bewerber sich nicht an die Regeln hielten. «Darüber hinaus operierten die Bewerber in einem Umfeld, in dem mehrere Exekutivmitglieder nicht zögerten, ein System zu nutzen, das sie in bestimmten Bereichen nicht an die gleichen Regeln band wie die Bewerber», heißt es in dem Report. Einige FIFA-Exekutivmitglieder hätten «persönlichen Nutzen» gesucht, um ihren Status in den Heimatländern zu verbessern.

Nach mehrstündigen Beratungen und Dauertelefonaten zwischen Zürich und St. Petersburg hatte die FIFA am Dienstag eine radikale Trendwende vollzogen und den Garcia-Bericht veröffentlicht. Mitten in der heißen Phase des Confederations Cups hatten den Weltverband die Schatten der Vergangenheit eingeholt.

Aber: Russland konnten praktisch keinen gravierenden Verstöße nachgewiesen werden. So werden zwar beispielsweise Geschenke und Annehmlichkeiten wie Kreml- und Ballettbesuche aufgeführt, der Bericht stellt aber fest: «Auch wenn die kompletten Kosten für Reisen und Unterbringungen für Exko-Mitglieder und ihre Familien das übersteigt, was man gewöhnlich als nebensächliche Kosten ansehen würde, war die Übernahme der Kosten nicht per se durch die damaligen FIFA-Verhaltenskosten verboten.» Allerdings: Die Computer des russischen Bewerbungskomitees waren zum Zeitpunkt der Untersuchung schon zerstört, welche Unterlagen fehlen konnten die FIFA-Ermittler nicht rekonstruieren.

Ein etwas deutlicheres Bild zeichnet sich rund um die Bewerbung Katars. So sollen südamerikanische Vertreter die Reise per Privat- oder Regierungsflugzeug aus und nach Rio de Janeiro verlangt haben. Auch landeten zwei Millionen US-Dollar auf dem Konto einer zehn Jahre alten Tochter eines Exko-Mitglieds. Der Bericht stellt aber auch fest, dass es «keinen Beweis in den Protokollen» für eine Verbindung der Zahlung zur Katar-Bewerbung gebe.

Keine entscheidenden Vorhaltungen werden dem früheren FIFA-Chef Joseph Blatter gemacht. Allerdings wird notiert, dass er kurz vor der Stimmabgabe einem Bonus von 200 000 Dollar für alle - auch für zwei gesperrte Exko-Mitglieder - zustimmte. Auch die Rolle von Franz Beckenbauer wird erörtert. Unter anderem dokumentiert der Bericht auch auf mehreren Seiten die Weigerungshaltung des früheren deutschen FIFA-Exkomitglieds zu einer Aussage gegenüber den Ermittlern. Diese brachte ihm eine Ermahnung und eine Geldstrafe von 7000 Schweizer Franken durch die FIFA-Ethikkommission ein. Diese Erkenntnisse sind aber nicht neu. Ein Interessenkonflikt bestand im Zusammenhang mit seinem Berater und Freund Fedor Radmann und der australischen Kandidatur.

Die FIFA trat der Darstellung entgegen, sie hätte die Dokumente gerne geheimgehalten. Im Gegenteil: FIFA-Präsident Gianni Infantino habe die Veröffentlichung «bereits in der Vergangenheit verschiedentlich verlangt und wurde seit seiner Sitzung im Mai 2016 in Mexiko-Stadt auch vom FIFA-Rat unterstützt», hieß es. Zu Sündenböcken für das wurden die ehemaligen Spitzen der FIFA-Ethikkommission Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbely erklärt.

Infantino musste vor seiner Rückkehr nach Russland zu den Halbfinal-Spielen des Confed Cups zwischen Deutschland und Mexiko sowie Portugal und Chile registrieren, dass die Altlasten der Blatter-Ära auch seiner Präsidentschaft einen Makel verpassen könnten. Vielleicht ging er auch deshalb nun in die Offensive. Für seinen mehrfach postulierten moralischen Neuanfang im Weltfußball komme die Debatte um Russland und Katar jedenfalls ungelegen.

Hier ruhen die Hoffnungen der Kritiker weiter auf den laufenden Ermittlungen der Schweizer Justiz, die unter anderem mehrere Dutzend Verdachtsfälle auf Geldwäsche untersucht. Allerdings: Mit einem Abschluss der Ermittlungen in Bern ist wohl erst zu rechnen, wenn zumindest die WM in Russland längst gespielt ist.

Garcia trat im Dezember 2014 von seinem Posten als Chef der ermittelnden Kammer der FIFA-Ethikkommission zurück. Er empfand seine Erkenntnisse im Abschlussbericht von Eckert, dem damaligen Chef der rechtsprechenden FIFA-Ethikkammer, nicht richtig interpretiert.

«Kein unabhängiges Governance Komitee, Ermittler oder Schiedsgericht kann die Kultur einer Organisation ändern», lautete Garcias vernichtende FIFA-Kritik damals. In der Liste der vielen schmutzigen Details fehlten dem deutschen Topjuristen Eckert aber dingfeste, justiziable Beweise für einen konkreten Einfluss auf die WM-Vergabe. Dies Sichtweise scheint nach der Veröffentlichung plausibel.

Der international geachtete Eckert wurde im Mai auf Initiative von Infantino an der Spitze der FIFA-Ethikkommission abgelöst. FIFA-intern galt er wegen seines rigorosen Vorgehens in Ethikfragen als umstritten.

Angestoßen wurden die Garcia-Ermittlungen ironischerweise noch von Blatter, der letztlich wie viele der 22 Wahlmänner vom 2. Dezember 2010 später über andere Verfehlungen stürzte. Im FIFA-Amt sind von damals nur noch der im Garcia-Report für unangemessenes und arrogantes Auftreten bei der Befragung gerügte Spanier Angel Maria Villar Llona und der Ägypter Hany Abo Rida. Gegen Villar Llona wurde später ermittelt, der Spanier mit einer Geldstrafe belegt.

@ dpa.de

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