Prozesse, Kriminalität

Verschwörungstheoretiker, Neonazis oder doch einfach nur Spinner? Was genau ein «Reichsbürger» ist, lässt sich nicht so leicht sagen.

29.08.2017 - 12:18:05

Gegen den Staat - Wie «Reichsbürger» ticken. Doch eines ist sicher: Ernstgenommen wurde die Bewegung lange nicht. Der Tod eines Polizisten in Franken änderte das schlagartig.

Nürnberg/Georgensgmünd - Die Grenzen des «Regierungsbezirks Wolfgang» sind noch da. Um sein Grundstück hat der Hausherr lange gelbe Linien gezogen, gewissermaßen sein Revier abgesteckt.

Und wer die Botschaft noch immer nicht verstanden hat, dem sei ein Blick auf den Briefkasten empfohlen. Auf einem angenagelten Schild steht unter einem Hinweis auf die Territorialverhältnisse eine ziemlich klare Ansage: «Mein Wort ist hier Gesetz!»

Als der deutsche Staat Mitte Oktober 2016 in Form der Polizei von Rechts wegen anrückt und ihm seine Waffen abnehmen will, sieht der Bewohner rot. Im Haus feuert er laut Anklage mehrere Schüsse auf Beamte ab, einer von ihnen wird tödlich getroffen, zwei weitere verletzt.

Gut zehn Monate nach dem Drama im südlich von Nürnberg gelegenen Georgensgmünd startet am Dienstag (29. August) gegen P. der Prozess. Der Vorwurf: Mord und versuchter Mord sowie gefährliche Körperverletzung. Der Prozess wirft einmal mehr ein Schlaglicht auf eine Bewegung, die lange kaum jemand auf dem Zettel hatte: die «Reichsbürger».

Für sie ist die Bundesrepublik eine Fata Morgana, kein souveräner Staat, nichts weiter als ein Unternehmen, das manche Anhänger auch «BRD GmbH» bezeichnen. «Reichsbürger» zimmern sich ihre eigene Welt jenseits vom Staat - samt offiziell anmutender Dokumente, die sie als Teil dieser anderen Ordnung ausweisen.

Vor dem Anwesen von Wolfgang P. rätselt Peter Bauer, wie es mit seinem Bekannten soweit kommen konnte. Bauer wohnt ein paar Häuser weiter. P. kenne er schon von Kindesbeinen an. Jahrelang habe er ein Kampfsportstudio betrieben und für die Gemeinde und Schulen im Ort Selbstverteidigungskurse angeboten - das habe er schon «fast als Friedensbotschaft» verstanden.

Wie wurde aus einem Friedensbotschafter ein Gewalttäter? Das könne wohl nur der Schütze selbst beantworten, sagt Bauer. Dass er aggressiv werden könnte - dafür habe es keine Hinweise gegeben. Dass sich P. aber einmal vehement gegen eine Abwasserabgabe der Gemeinde gestemmt habe, sieht Bauer nun als Hinweis auf eine staatskritische Gesinnung.

Und P. ist nicht der Einzige: Für das erste Quartal 2017 geht der Bundesverfassungsschutz von deutschlandweit rund 12 600 Anhängern der «Reichsbürger»-Szene aus. Seit Ende 2016 - damals wurde das Potenzial auf rund 10 000 geschätzt - habe sich deren Zahl damit um etwa ein Viertel erhöht.

In Bayern wird mit mindestens 3000 «Reichsbürgern» gerechnet. Mit zwei von ihnen hat Roland Frick schon Bekanntschaft gemacht. Frick ist Bürgermeister der beschaulichen Gemeinde Pliening - dem Sitz der «administrativen Regierung» des sogenannten «Bundesstaats Bayern». «Reichsbürger» lenken von dort aus die Geschicke ihrer fiktiven Regierung.

Im Sommer 2014 kamen erstmals zwei «Reichsbürger» in Fricks Büro und legten ihm ihre Weltanschauung dar. «Sie wollten ihre Ausweise abgeben, weil sie den Staat nicht anerkennen», berichtet Frick. Im Gemeindeleben spielten die beiden zwar keine Rolle. Und doch sei er seit dem Vorfall in Georgensgmünd aufmerksamer geworden, sagt der Bürgermeister.

Aber wie umgehen mit dem Phänomen «Reichsbürger»? Das kommt ganz darauf an, wen man vor sich hat. Denn «Reichbürger» ist nicht gleich «Reichsbürger», heißt es aus dem Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz. Man habe es mit einer Splitterbewegung, der unterschiedliche Menschen angehören, zu tun: Verschwörungstheoretiker, psychisch Kranke, Staatsverdrossene, Querulanten und Neonazis. Aber sobald Waffen ins Spiel kommen, kann es mitunter gefährlich werden - wie im Fall Wolfgang P.

Im Frühjahr 2016 wird das Landratsamt auf den Hobby-Jäger aufmerksam, nachdem ein Vollstreckungsversuch der Zoll- und Steuerbehörde bei P. keinen Erfolg hat. Später wird der Besitzer von rund 30 Waffen als nicht länger zuverlässig eingestuft, verweigert aber im Sommer mehrmals der Polizei und Waffenkontrolleuren den Zutritt zu seinem Grundstück. Irgendwann steht dann ein Spezialeinsatzkommando vor der Tür. Die Lage eskaliert - und aus dem «Regierungsbezirk Wolfgang» wird ein Tatort.

@ dpa.de

Amazon wird sich schwarzärgern, aber …

… wir schenken Ihnen den Report „Börsenpsychologie - Markttechnik für Trader“ heute trotzdem kostenfrei. Normalerweise kostet der Report im Onlinehandel 39,99 Euro.

Sie können sich den genialen Report heute jedoch absolut kostenfrei sichern. Wir senden Ihnen den Report vollkommen KOSTENFREI zu.

Jetzt HIER klicken und dank richtigen Timing reich an der Börse werden!

Weitere Meldungen

Arzt wegen sexuellen Missbrauchs von Patientinnen vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 63 Jahre alten Mediziner vor, das entstandene Vertrauensverhältnis zu seinen psychisch labilen Patientinnen ausgenutzt zu haben, um mit ihnen Sex zu haben - teilweise ohne die Frauen zu behandeln. Die Taten sollen in der Praxis oder den Wohnungen der Frauen passiert sein. Der Beschuldigte hat die Vorwürfe eingeräumt. Ihm droht eine Haftstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren. Ansbach - Wegen sexuellen Missbrauchs von drei Patientinnen muss sich ein Arzt aus dem bayerischen Feuchtwangen von heute an vor Gericht verantworten. (Politik, 11.12.2017 - 02:56) weiterlesen...

Stimmung angespannt - Loveparade-Prozess: Betreuer stehen für Angehörige bereit. Etwa, wenn Videos gezeigt werden. An jedem Prozesstag sind Betreuer da. Am ersten Tag waren es gleich vier. Für Angehörige und Traumatisierte wird es im Loveparade-Prozess sehr belastende Momente geben. (Politik, 09.12.2017 - 10:08) weiterlesen...

Loveparade-Prozess mit Antragsflut gestartet. Düsseldorf - Mit einer Flut von Anträgen hat der Strafprozess um die Loveparade-Katastrophe begonnen. Sechs Mitarbeitern der Stadt Duisburg und vier Mitarbeitern des Veranstalters Lopavent wird fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen. Ihnen drohen bis zu fünf Jahre Haft. Bei dem Unglück am 24. Juli 2010 waren im Gedränge am einzigen Zu- und Abgang der Technoparade 21 Menschen erdrückt worden. Das Verfahren steht unter Zeitdruck: Ende Juli 2020 verjähren die Vorwürfe. Loveparade-Prozess mit Antragsflut gestartet (Politik, 08.12.2017 - 21:52) weiterlesen...

Frau steckt tagelang in Badewanne fest und stirbt. Ein 59-Jähriger soll zugelassen haben, dass seine extrem übergewichtige Verlobte in der Wanne starb. Laut Anklage war die knapp 150 Kilogramm schwere Frau gestürzt und hatte sich nicht mehr aus der Badewanne befreien können. Sie soll im Juni 2017 nach rund zehn Tagen an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben sein. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, seine Lebensgefährtin zwar mit Getränken versorgt, aber keine Hilfe geholt zu haben. Der Angeklagte wies die Vorwürfe zurück. Münster - Die Qualen einer in ihrer Badewanne gestorbenen Frau beschäftigen das Schwurgericht Münster. (Politik, 08.12.2017 - 16:12) weiterlesen...

Kurzbiografie - Vorsitzender Richter Mario Plein leitet den Prozess. Der 46-Jährige ist Vorsitzender Richter am Landgericht Duisburg. Er stammt aus Mülheim an der Ruhr und ist seit 2002 Richter am Landgericht Duisburg, seit 2011 Vorsitzender Richter. Duisburg - Der Loveparade-Prozess wird von Mario Plein geführt. (Politik, 08.12.2017 - 07:20) weiterlesen...

Zehn Angeklagte - Mammutprozess zum Loveparade-Unglück beginnt Düsseldorf - Mehr als sieben Jahre nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg mit 21 Toten beginnt heute in Düsseldorf ein Strafprozess gegen zehn Beteiligte. (Politik, 08.12.2017 - 04:28) weiterlesen...