Bundespräsident, Parteien

Nun also doch: Frank-Walter Steinmeier soll Bundespräsident werden.

14.11.2016 - 10:32:08

In den Umfragen vorn - Bürgers Liebling: Konsenskandidat Steinmeier. Die große Koalition geht ganz offensichtlich mit dem SPD-Außenminister als Konsenskandidat in die Bundesversammlung. Repräsentieren kann er. Die große Rede fehlt bislang.

Berlin - Im Mai vergangenen Jahres bekam Frank-Walter Steinmeier schon einmal einen Eindruck davon, wie es ist, als Bundespräsident auf Reisen zu sein. An der Hebräischen Universität von Jerusalem erhielt er den Ehrendoktor-Titel verliehen. 

Die Rede hielt Schimon Peres, die Kulisse war großartig, die Stimmung perfekt. Abends saß Steinmeier mit seiner Frau, die ihn sonst nie begleitet, und seiner erwachsenen Tochter im King-David-Hotel. Zufriedener ging es kaum.

Solche Momente könnte es für den SPD-Politiker künftig häufiger geben. Der 60-jährige ist nun ganz offensichtlich der Kandidat der großen Koalition für die Nachfolge von Joachim Gauck - wenn auch noch nicht offiziell bekanntgegeben. In der Bundesversammlung dürfte am 12. Februar 2017 nicht mehr allzu viel schief gehen.

43 Jahre nach der Wahl von Walter Scheel käme damit erstmals wieder ein Außenminister ins höchste Amt des Staates. Nach Gustav Heinemann und Johannes Rau wäre Steinmeier dort in der Geschichte der Bundesrepublik erst der dritte Sozialdemokrat.

Obwohl die Einigung für viele nun doch überraschend kam, galt der Außenminister zuvor schon als quasi natürlicher Kandidat: angesehen über die Parteigrenzen hinweg, diplomatisch erfahren, international respektiert und auch krisenerprobt. Der Ex-Kanzleramtschef, zwischenzeitliche Fraktionsvorsitzende und Jetzt-Wieder-Außenminister liegt seit langem auch in allen Umfragen vorn. Bürgers Liebling. Und weißere Haare hatte seit Richard von Weizsäcker auch keiner mehr.

Steinmeier selbst hielt sich seit Gaucks Verzicht auf eine zweite Amtszeit bedeckt, über fünf Monate lang. Zuletzt hatte er Routine darin, alle Fragen nach weiteren Ambitionen abzublocken. Jüngst, in Vietnam, sagte er nur noch: «Sie müssen das kommentieren. Ich muss es nicht. Und dabei wollen wir es belassen.» Alles Weitere war zwecklos. Dass der Tischlersohn aus Westfalen am Umzug ins Schloss Bellevue Interesse hat, konnte man trotzdem erkennen.

Zum Beispiel daran, wie er immer noch einen Termin in das ohnehin schon übervolle Programm presste, das ein Außenminister hat. Die Außenpolitik war dem Mann mit annähernd 400 000 Flugkilometern pro Jahr nicht genug. Kultur, Wirtschaft, Kirche - auch dazu hatte er etwas zu sagen. In New York, während der UN-Vollversammlung, ließ er sich dieses Jahr morgens um vier wecken, um live zum Deutschen Historikertag geschaltet werden zu können.

Die Rede soll gut gewesen sein. Was bei dem gelernten Juristen (Titel der Doktor-Arbeit: «Bürger ohne Obdach») keine Selbstverständlichkeit ist. Staatstragend kann er, gewiss. Aber große Reden sind von Steinmeier bislang keine in Erinnerung. In der Welt der Diplomatie ist es von Vorteil, mit vielen Worten wenig zu sagen, umständlich zu formulieren und etwas unscharf. Ans Staatsoberhaupt haben die Deutschen andere Erwartungen.

Zudem trägt sich Steinmeier seit der ersten Zeit als Leiter von Gerhard Schröders Staatskanzlei in Hannover mit dem Ruf herum, ein manchmal arg bedächtiger und im Grunde langweiliger Bürokrat zu sein. Das trug auch zur gescheiterten Kanzlerkandidatur 2009 bei. Die 23 Prozent gegen Angela Merkel - schlechtestes SPD-Ergebnis überhaupt - nennt er «Tiefpunkt meiner politischen Karriere». Sagt aber auch: «Nach ein paar Jahren in der Politik hat jeder seine Narben.»

Dabei kann Steinmeier durchaus mit Menschen. Ein schneller Satz, ein Klaps auf die Schulter, ein dröhnendes Lachen: Kontakt findet er schnell. Auf seinen Reisen sind regelmäßig Leute aus Wirtschaft und Kultur dabei. Es wird kräftig geduzt, nicht nur zwischen Genossen. Steinmeier gehört auch zu den Politikern - keineswegs selbstverständlich -, die einem in die Augen schauen können.

Viel Respekt verschaffte er sich vor ein paar Jahren, indem er seiner Frau eine Niere spendete. Den Tag der Transplantation, den 24. August, feiern Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender seither als zusätzlichen Geburtstag.

@ dpa.de