Innere Sicherheit, Terrorismus

Leipzig - Vom Schirm der Sicherheitsbehörden verschwunden, der Polizei entwischt: Nach zwei Tagen europaweiter Fahndung ist Dschaber al-Bakr, ein syrischer Flüchtling unter Terrorverdacht, gefasst.

10.10.2016 - 17:16:05

Syrer stellen Terrorverdächtigen

Zu verdanken ist das dem mehrsprachigen Aufruf der Polizei bei Facebook und Twitter und drei beherzten Landsleuten. «Der Tatverdächtige ist uns in gefesseltem Zustand übergeben worden», sagt der Präsident des sächsischen Landeskriminalamtes (LKA), Jörg Michaelis, in Dresden. Wenige Stunden zuvor haben Polizisten den 22-Jährigen, der ein Sprengstoffattentat vorbereitet haben soll, in einer Wohnung im Plattenbauviertel Leipzig-Paunsdorf abgeholt. Was war geschehen?

Kurz vor Mitternacht kommt ein Syrer in das Polizeirevier Südwest am anderen Ende der Stadt. Er zeigt ein Handyfoto von einem Mann in seiner Wohnung, den er und zwei andere Syrer als Dschaber al-Bakr erkannt haben. Die Beamten könnten ihn abholen, erklärt er. Polizisten fahren in das fast 20 Kilometer entfernte Haus in der Hartriegelstraße 14 und nehmen den Gesuchten in der vierten Etage fest - noch bevor das SEK eintrifft. Der Terrorverdächtige, dessen Festnahme zwei Tage zuvor in Chemnitz missglückte, leistet keinen Widerstand.

Dschaber al-Bakr wird in die Polizeidirektion Leipzig gebracht. Die Ermittler sind sicher: Er ist es. Wo sich der Syrer seit Freitag aufgehalten hat, können sie bisher nicht sagen. Auch zu den Umständen seiner Flucht aus dem Chemnitzer DDR-Neubaugebiet geben die Behörden keine Auskunft. Bis Freitag soll er sich dort noch in einer Wohnung aufgehalten haben. Als Spezialeinsatzkräfte sie am Samstag stürmen, ist sie leer. Die Ermittler sind nicht sicher, ob er der Mann war, der zuvor aus dem Haus gekommen und nach einem Warnschuss geflüchtet war.

Al-Bakr war im Februar 2015 über München nach Deutschland gekommen. Am Sonntag spricht er nach dpa-Informationen am Hauptbahnhof in Leipzig einen Landsmann an und fragt, ob er bei ihm übernachten könne. Der Syrer nimmt den 22-Jährigen mit. Er weiß, wen er vor sich hat. Die Polizei hatte den Fahndungsaufruf am Samstag auch auf Englisch und Arabisch im Internet verbreitet. Nach Angaben von Nachbarn machen die Syrer aus der Wohnung in Nummer 14 einen Sprachkurs. Einer von ihnen wurde losgeschickt, um die Polizei von ihrem «Fang» zu informieren.

«Solche wie er müssen aus dem Verkehr gezogen werden», sagt ein Nachbar aus dem Erdgeschoss am Morgen danach. Der Mann, selbst Syrer, kannte die Bewohner aus der obersten Etage vom Sehen. Der Einsatz in der Nacht hat die Menschen im Plattenbauviertel aufgeschreckt, obwohl Polizei dort häufiger präsent ist. Der kreisende Helikopter um Mitternacht hat nicht nur einer älteren Dame den Schlaf geraubt. Sie wohnt im Block gegenüber. «Es ist eigentlich eine ruhige Wohngegend hier, Probleme gibt es meist nur mit Betrunkenen», erzählt sie.

Auch die Kinder des Syrers aus dem Erdgeschoss sind von dem Lärm aufgewacht. «Ich hab nachgeschaut, was los ist, und viel Polizei gesehen», berichtet der Asylbewerber. Es sei schlimm, wenn ein Flüchtling für die Terrormiliz «Islamischer Staat» Anschläge in Deutschland verüben wolle. Solche Leute seien verrückt. «Ich bin froh, dass wir hier sein dürfen, in Sicherheit», schiebt der Mittvierziger noch in gebrochenem Deutsch hinterher.

«Wir sind froh, dass nicht alle Ausländer gleich sind», sagt ein älteres Ehepaar im Vorbeigehen. Diese Syrer wären ein Gewinn für Deutschland, finden sie. Wie sie schauen Anwohner, die mit dem Hund unterwegs sind oder Müll entsorgen, über das rot-weiße Absperrband der Polizei. Zwei Männer im Nachbareingang beobachten vom Fenster aus, wie Ermittler ein- und ausgehen. An einem Fenster unter dem Dach von Hauseingang 14 hängt eine deutsche Fahne.

«Wir sind geschafft, aber überglücklich», feiert die Polizei in einem Tweet gut sechs Stunden nach Mitternacht die Festnahme des als gefährlich eingestuften al-Bakr. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) lobt den «mutigen und verantwortungsbewussten syrischen Mitbürger», sein Innenminister Markus Ulbig (CDU) ist zurückhaltender. Die drei Syrer, die Dschaber al-Bakr den Ermittlern übergaben, gelten derzeit als Zeugen. Wie sie in Kontakt zu dem 22-Jährigen kamen, wird laut LKA noch untersucht. Unklar ist auch, wie sie zueinander stehen.

@ dpa.de

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