Unwetter, Bahn

Im Minutentakt verlassen normalerweise ICEs, ICs und Regionalzüge die Hauptbahnhöfe von Berlin und Hamburg.

06.10.2017 - 16:38:06

Szenen aus Berlin und Hamburg - Stillstand am Bahnhof: «Fahren Sie an einem anderen Tag». Für Zehntausende Reisende sind die Stationen täglich Start oder Ziel einer Reise. Nach dem schweren Sturm ist alles anders.

Berlin - «Kein Zug?» - «Ja, kein Zug!» Die Auskunft der Bahnmitarbeiter im vollen Berliner Hauptbahnhof lautet am Freitagvormittag nach Sturm «Xavier» immer gleich: «Der Zugverkehr ist eingestellt. Komplett.»

In langen Schlangen stehen die Menschen vor dem Reisezentrum im Mittelgeschoss, vor den Informationsschaltern im Erdgeschoss und sogar vor einzelnen Bahnmitarbeitern an. Viele warten bis zu einer Stunde, bis sie an einem Schalter an die Reihe kommen.

«Ich würde Ihnen empfehlen, heute nicht zu fahren», sagt ein Mitarbeiter immer wieder zu Reisenden, die Richtung Hamburg oder Hannover wollen. «Fahren Sie wieder nach Hause. Fahren Sie an einem anderen Tag.»

Eine junge Frau antwortet nur: «Scheiße. Was mache ich jetzt?» Ein Mann steht mitten im Bahnhof und ruft: «Ich muss nach Hannover. Wer teilt sich ein Taxi? Wer muss auch nach Hannover?» Mietwagen sind da schon längst vergriffen, die umliegenden Hotels noch aus der letzten Nacht voll.

Im Untergeschoss des großen Bahnhofs hatten viele Menschen von Donnerstag auf Freitag in bereitgestellten Regionalzügen übernachtet. Die Bahn nennt sie Hotelzüge - allzu bequem ist es dort aber nicht. Müde sitzen und liegen am Morgen Menschen auf den Polstersitzen. Manche haben Schlafsäcke, andere Decken. «Es ist alles nicht so einfach hier», sagt eine junge Frau in ihr Telefon.

Lethargisch lungert eine Schulklasse aus Köln in einem größeren Abteil zwischen Colaflaschen und Turnschuhen herum. «Wenn wir Pech haben, können wir noch ne Nacht hier pennen», sagt ein Mädchen. Eine andere Neuntklässlerin beklagt sich: «Ich brauche einen Hotspot, nur ein paar Sekunden, hier ist überhaupt kein Netz. Das ist voll die Verarsche.» Andere triumphieren: «Mein Vater holt mich hier ab.»

Trotz der Ausnahmesituation bleibt die Stimmung im Hauptbahnhof ruhig. Gelassen stehen die Menschen an den Toiletten an, kaufen Brötchen und Kaffee und versuchen sich zu orientieren. «Sie können ja auch nichts dafür», sagt eine ältere Frau einem der Bahnangestellten, der mantramäßig seine Ansagen wiederholt. Viele Touristen mit großen Rollkoffern sehen sich aber ratlos an und wissen nicht, wohin.

Ganz ähnlich ist die Situation am Hamburger Hauptbahnhof, dem meistfrequentierten Bahnhof Deutschlands. Viele Reisende versuchen dort, Fahrgemeinschaften zu bilden und mit Taxis ans Ziel zu kommen. Die Bahn bietet Taxigutscheine an, Reisende müssen aber auch dafür lange Warteschlangen in Kauf nehmen.

Ein Taximitarbeiter versucht derweil, die Reisenden nach Zielen zu organisieren. Seine Stimme reicht aber nicht. Eine junge Bahnmitarbeiter mit Megafon hilft beherzt aus. «Alle, die nach Berlin wollen, bitte in diese Ecke, alle nach Hannover bitte in diese Ecke», ruft sie. Auch Schwerin und Bremen bekommen ihre Ecke.

Andere Reisende versuchen, sich privat zu organisieren und vor dem Bahnhof Mitfahrer für ein Taxi zu finden. Eine Fahrt nach Hannover wird für 295 Euro, eine Fahrt nach Berlin für etwa 600 Euro angeboten. Claudia Grell aus Hamburg hat sich deshalb mit einem Schild vor dem Taxistand postiert. «Suche Mitfahrer - Taxi Berlin» steht darauf. Sie hofft so, die Kosten teilen zu können.

Trotz des Durcheinanders äußern sich viele Reisende in Hamburg zufrieden darüber, wie die Bahn mit dem unwetterbedingtem Chaos umgeht. Allerdings sei die Informationspolitik doch recht mangelhaft. Die Mitarbeiter seien nett, wüssten aber oft nichts, klagt etwa ein Fahrgast.

Die Bahn hatte seit dem Morgen ihre Strecken mit Hubschraubern absuchen lassen, um Schäden festzustellen. Am späten Vormittag kommen dann in Berlin erste Durchsagen: Richtung Süden fahren wieder einzelne Züge. «Die Strecke Berlin - Leipzig ist seit 11 Uhr mit Einschränkungen wieder befahrbar», teilt die Bahn am Mittag mit.

Dennoch bleibt die Lage sehr angespannt. An mehreren hundert Stellen sind Bahnlinien blockiert, weil Bäume auf Gleise oder Oberleitungen fielen. Sogar Signalmasten knickten durch die heftigen Böen um. Die Schäden an den Strecken Berlin-Hannover, Berlin-Hamburg und Hamburg-Ruhrgebiet zu beheben, ist am Freitag nicht mehr zu schaffen. Den Fahrgästen bleibt nichts anderes übrig, als auf Busse oder Autos umzusteigen.

Fahrkarten, die am Donnerstag und Freitag nicht benutzt wurden, sind noch bis zum 15. Oktober gültig. Oder sie können gegen den Kaufpreis zurückgegeben werden. «Ohne Gebühr», wie die Bahn zusichert.

@ dpa.de

Weitere Meldungen

Kann fliegen Kann fliegen: Ein Kitesurfer surft bei West Wittering - angetrieben von Sturm «Brian», der mit starkem Wind und Regen über Großbritannien hinwegzieht. (Media, 20.10.2017 - 16:20) weiterlesen...

Kopf hoch!. Sturm «Brian» zieht derzeit mit starken Winden und Regen über Großbritannien. Kopf hoch! Im britischen West Wittering schwimmt ein Hund im aufgewühlten Ärmelkanal. (Media, 20.10.2017 - 14:18) weiterlesen...

Asche färbt Himmel orange - Sturm «Ophelia» erreicht Schottland. Es herrschte Chaos, Hunderttausende wurden von der Stromversorgung abgeschnitten. Es könnte Tage dauern, bis die Schäden beseitigt sind. In Irland kostete «Ophelia» drei Menschen das Leben. (Politik, 17.10.2017 - 14:32) weiterlesen...

Steife Brise. Mit «Ophelia» traf Irland der wohl heftigste Sturm seit 50 Jahren. Steife Brise: Im nordirischen Ardglass bricht sich eine große Welle an einer Ufermauer. (Media, 17.10.2017 - 09:16) weiterlesen...

Hochwasser erwartet - Sturm «Ophelia» zieht weiter nach Schottland. Es herrschte Chaos, Tausende hatten keinen Strom. Am Dienstag soll sich dort die Lage normalisieren. Der Sturm zieht in Richtung Schottland. In Irland kostete «Ophelia» mindestens drei Menschen das Leben. (Politik, 17.10.2017 - 08:08) weiterlesen...

Sturm «Ophelia» zieht weiter nach Schottland. Der irische Wetterdienst hob in der Nacht die rote Sturmwarnung auf. Die Schulen bleiben noch einen Tag geschlossen, die Universitäten sollen aber wieder öffnen. Busse und Züge sollen wieder fahren. Auch der Flughafen Dublin werde wieder öffnen, berichtete der Sender RTÉ in der Nacht. Der frühere Hurrikan «Ophelia» hatte das öffentliche Leben im Land gestern Montag weitgehend lahmgelegt. Drei Menschen kamen ums Leben. Edinburgh - Nach dem wohl heftigsten Sturm in Irland seit 50 Jahren, kehrt das Land langsam in die Normalität zurück. (Politik, 17.10.2017 - 04:24) weiterlesen...