Migration, Flüchtlinge

Flüchtlingskinder verbringen mit ihren Eltern häufig viele Monate in Gemeinschaftsunterkünften.

21.03.2017 - 12:38:06

Leben in Warteposition - Flüchtlingskinder in Deutschland. Auch Frauen leiden unter den Bedingungen dort. Ganz so einfach lässt sich das Problem allerdings nicht lösen. Denn viele Wohnungsbesitzer wollen nicht an Flüchtlinge vermieten.

Berlin - Viele Flüchtlingskinder leiden in Deutschland darunter, dass sie lange Zeit in Sammelunterkünften mit vielen fremden Menschen auf engem Raum zusammenleben müssen.

Das geht aus der Studie «Kindheit im Wartezustand» des UN-Kinderhilfswerks (Unicef) hervor, die heute in Berlin vorgestellt wurde. Darin heißt es: «Sie warten auf eine Entscheidung über die Asylanträge der Familie, auf den Arztbesuch, Zugang zu Schulen und Kitas und insbesondere auf eine dauerhafte, geeignete Bleibe.» Dabei wünschten sich geflüchtete Familien «nichts sehnlicher, als anzukommen und neu zu beginnen», sagte Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef-Deutschland.

Die Autoren der Studie stellten bei der Befragung von Mitarbeitern von Flüchtlingseinrichtungen fest, dass mehr als jeder fünfte Minderjährige über sechs Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung wohnen musste. Die Aufenthaltsdauer in den Gemeinschaftsunterkünften gab ein Drittel der Mitarbeiter mit ein bis drei Jahren an. Problematisch ist laut Studie vor allem eine gemeinsame Unterbringung von Familien zusammen mit alleinstehenden Männern. Eine Nigerianerin berichtete den Autoren, sie habe das Gefühl, ihre siebenjährige Tochter «ständig beschützen zu müssen», seitdem sie das Badezimmer mit drei jungen Männern teilen müssten. Eine andere Mutter berichtete: «Es gibt einige im Heim, die Kinder angefasst haben.» Ihre Kinder dürften deshalb nicht mehr draußen spielen.

Kinder, Jugendliche und Eltern beklagen vor allem die Enge, den Lärm, die fehlende Privatsphäre und die schlechten hygienischen Zustände in den Sammelunterkünften. «Das Lernen war da drin überhaupt nicht möglich», sagte der 15-jährige Ali aus Syrien den Forschern.

Auch für geflüchtete Frauen ist die Wohnsituation nach ihrer Ankunft in Deutschland eines der größten Probleme. Zu diesem Schluss kommt eine weitere Studie, die am Dienstag in der Berliner Charité vorgestellt wurde. Ein Fünftel der mehr als 600 befragten Frauen berichtete von spezifischen Problemen - darunter fehlende Privatsphäre, sexuelle Übergriffe, schmutzige sanitäre Anlagen, Lärm und ein allgemein respektloses Klima.

Dass die Familien oft sehr lange in Gemeinschaftsunterkünften ausharren müssen, hat auch damit zu tun, dass viele Deutsche nicht an Flüchtlinge vermieten wollen. «Die Privaten sind dann eher zurückhaltend bei der Vermietung», hatte Uwe Lübking vom Deutschen Städte- und Gemeindebund am Montag in einer Sitzung des Innenausschusses des Bundestages berichtet.

In den vergangenen zwei Jahren waren etwa 350 000 Kinder und Jugendliche in Begleitung ihrer Eltern nach Deutschland gekommen, um hier Schutz vor Krieg und Gewalt oder eine bessere Zukunft zu suchen. Außerdem kümmern sich die Jugendämter aktuell um etwa 48 000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

@ dpa.de

Weitere Meldungen

Flüchtlingsroute Mittelmeer - Italien berät mit Seenotrettern über Verhaltenskodex. Nun will die italienische Regierung die Rettungseinsätze von NGOs an weitere Regeln binden. Die privaten Retter fühlen sich kriminalisiert. Wenn Hilfsorganisationen im Mittelmeer Migranten aus Seenot retten, befolgen sie damit internationales Recht. (Politik, 25.07.2017 - 08:20) weiterlesen...

Italien berät mit Mittelmeer-Rettern über Verhaltenskodex. Am Nachmittag ist dafür ein Treffen im Innenministerium in Rom angesetzt. Der Entwurf des Regelkatalogs hatte bereits im Vorfeld für Kritik gesorgt. Hilfsorganisationen erklärten, dass sich ihre Einsätze ohnehin in einem von italienischen Behörden und internationalem Recht vorgegebenen Rahmen bewegten. Ein sizilianischer Staatsanwalt warf den Organisationen vor, von Schleppern finanziert zu sein. Rom - Italienische Regierungsbeamte beraten heute mit privaten Seenotrettern über einen Verhaltenskodex, der klare Regeln für Rettungseinsätze im Mittelmeer festlegen soll. (Politik, 25.07.2017 - 05:50) weiterlesen...

Nach Schulz-Warnung - Wahlkampf-Streit über Flüchtlinge. Schulz will das Thema vorantreiben und auch ans Mittelmeer fahren. Wie akut ist eine neue große Flüchtlingskrise? Für seine Warnungen erntet der SPD-Kanzlerkandidat heftige Kritik nicht nur der Union. (Politik, 24.07.2017 - 17:02) weiterlesen...

Seehofer: Nur Merkel kann freie Welt zusammenhalten. «Dies ist die Stunde der Gemeinschaft: Bei allen Diskussionen, die wir gegebenenfalls führen, gibt es nur eine Persönlichkeit, die die freie Welt zusammenhält», sagte Seehofer bei einem CSU-Bürgerfest in München. Gleichzeitig warb er für eine Obergrenze für Flüchtlinge, die Merkel ablehnt. «Ohne Begrenzung ist Integration nicht zu schaffen», sagte Seehofer, der die Obergrenze diesmal aber nicht zur Bedingung für eine Koalition machte. München - Bei der Vorstellung des CSU-«Bayernplans» für die Bundestagswahl hat CSU-Chef Horst Seehofer Kanzlerin Angela Merkel als unverzichtbar gelobt. (Politik, 23.07.2017 - 17:46) weiterlesen...

Seehofer: Flüchtlingszahlen werden wieder steigen. Im Moment sei die Lage beruhigt. Aber alle wüssten, die Migrationswelle werde weitergehen, sagte der bayerische Ministerpräsident der «Welt am Sonntag». SPD-Chef Martin Schulz warnte vor einer Wiederholung der Flüchtlingskrise des Jahres 2015. Mit Blick auf die steigende Zahl von Menschen, die derzeit über das Mittelmeer nach Europa kommen, nannte er die Situation «hochbrisant». München - Angesichts der Erwartung wieder steigender Flüchtlingszahlen hat CSU-Chef Horst Seehofer die Forderung nach einer Obergrenze von maximal 200 000 Flüchtlingen pro Jahr bekräftigt. (Politik, 23.07.2017 - 11:00) weiterlesen...

Wahlkampfthema - SPD-Chef Schulz warnt vor neuer Flüchtlingskrise Mit Blick auf die steigende Zahl von Flüchtlingen, die derzeit über das Mittelmeer nach Europa kommen, nannte SPD-Kanzlerkandidat Schulz die Situation «hochbrisant». (Politik, 23.07.2017 - 09:42) weiterlesen...