Konflikte, Finanzen

Bereits im Oktober könnte in Venezuela eine der größten Staatspleiten der westlichen Hemisphäre drohen.

11.08.2017 - 12:32:06

Kartenhaus von Caracas - Venezuela droht Riesen-Staatspleite. Der radikale Staatsumbau von Präsident Maduro hängt auch mit der Angst vor der Pleite zusammen. Alles wird verscherbelt, doch das Kartenhaus droht einzustürzen.

Caracas - Es ist schlimm und könnte noch schlimmer werden, für die Menschen im Land mit den größten Ölreserven der Welt. Die Wellen, die der drohende Umbau zur Diktatur durch Präsident Nicolás Maduro schlägt, verdecken fast den Blick auf das Unheil, das bald in einer der größten Staatspleiten der westlichen Hemisphäre enden könnte.

Maduros «mano dura», die harte Hand, hängt auch genau damit zusammen. Kritisch werde es im Oktober und November, sagt der Chef der Banco Venezolano de Credito, Germán García-Velutini. «Dann sind jeden Monat rund zwei Milliarden US-Dollar zurückzuzahlen.» Im Moment werde versucht, alles zu Geld zu machen. «Wie wir hier sagen: Sie verkaufen alles bis zur Schwiegermutter», sagt der oberste Banker eines der bekanntesten Geldinstitute des Landes.

Venezuela wirkt gerade wie ein fragiles Kartenhaus, auch die Finanziers Russland und China werden angeblich langsam sehr nervös. Eigentlich müsste das Parlament grünes Licht geben für den Verkauf der «Juwelen», zum Beispiel von Ölfeldern in der Orinoco-Region. Aber die von Maduro geschaffene «Volksversammlung», die das Parlament einfach abgelöst hat, gibt dem Präsidenten mehr Handlungsspielraum. Gegen den Willen der Opposition wurden auch die Goldsreserven mehr als halbiert, von über 360 Tonnen Gold auf geschätzt 170 Tonnen.

Venezuela hat vier Hypotheken, die es nun zu erdrosseln drohen.

- Der Ölfluch: Das Land hat mit den Quellen etwa am Maracaibo-See die größten Reserven der Welt. Das hat aber auch eine fatale Abhängigkeit geschaffen - 95 Prozent der Exporteinnahmen kommen vom Öl, allein rund zehn Milliarden Dollar vom größten Abnehmer, den USA. Wenn die Vereinigten Staaten plötzlich die Einfuhr stoppen wegen Maduros Marsch in die Diktatur, ist das Land wohl pleite. Dessen Vorgänger Hugo Chávez hatte das Glück eines Ölpreises von zeitweise 100 Dollar je Barrel. Heute gibt es gerade noch 43 Dollar.

- Staatliche Misswirtschaft: Tausende Ölarbeiter mit viel Know-how, aber zu wenig Linientreue wurden gefeuert. Das Militär, das viele Sektoren dominiert, erwies sich als schlechter Unternehmer. Staatlich festgesetzte Preise ließen ganze Branchen kollabieren, weil sich die Produktion nicht mehr lohnte. Früher half der Staat Bauern bei der Finanzierung von Saatgut und Dünger, das Geld fehlt nun. So muss immer mehr importiert werden. Weil Schulden bedient werden müssen, fehlt Geld dafür. Plötzlich hungern Menschen im ölreichsten Land.

- Korruption: Es kommt nicht von ungefähr, dass die USA gegen mehr als 20 Funktionäre Finanzsanktionen verhängt haben. Konten, auf die US-Behörden Zugriff haben, wurden eingefroren. Viel Geld scheint in dunklen Kanälen zu versickern, in den «Panama Papers» gibt es viele Hinweise auf Geldanlagen der Regierungselite in Steueroasen. Ein Privatunternehmer sagt, die Beteiligungen des Militärs an Unternehmen hätten den Zweck, Loyalität zu sichern. «Sie dienen der Bereicherung für mittlere und niedere Generalsränge.» Und Lebensmittelpakete, die vom Militär an Anhänger der Regierung verteilten soll, landen oft auf dem Schwarzmarkt. Die USA bezichtigten zudem Vizepräsident Tareck El Aissami, sich am Kokainhandel zu beteiligen, was er bestreitet.

- Benzin-Irrsinn: Der Raffinerie-Komplex Paraguaná gilt von der Kapazität her als der drittgrößte der Welt. Bis zu 950 000 Barrel Öl könnten pro Tag verarbeitet werden. Aber heute werden keine 40 Prozent davon geschafft. So muss Venezuela für mehrere Milliarden Dollar Benzin einführen - selbst vom Erzfeind USA. Der Sprit ist dennoch der billigste der Welt. Man bekommt derzeit für einen US-Dollar bis zu 1500 Liter. Gerade die Armen haben aber kein Auto, die Folgen der horrenden Benzin-Subventionierung treffen sie am stärksten - denn auch deshalb fehlt Geld für den Lebensmittelimport.

Viele aus der sozialistischen Führungselite verfolgen in diesen Tagen sehr kapitalistische Motive. Man scharrt sich um Maduro, damit der weiter dafür sorgt, dass die Schulden bezahlt werden. Viele halten Anteile am staatlichen PDVSA-Ölkonzern - ihnen drohen bei einer Pleite massive Verluste. Doch der wahre Verlierer wäre «ihr» Volk.

Im «Saudi-Arabien Südamerikas» gibt es jetzt schon hungernde Menschen - die ärmeren Bürger müssen mit einem Mindestlohn von rund zehn US-Dollar im Monat auskommen (nach aktuellem Schwarzmarktkurs). Die Inflation, noch ein Rekord, ist die höchste der Welt. Dass die Sozialisten seit 1999 regieren, hat viel mit Hugo Chávez zu tun, der 2013 starb und von vielen bis heute verehrt wird, weil er den Ärmsten erstmals Anerkennung und Stolz zuteil werden ließ. Er krempelte mit den damals noch sprudelnden Ölmilliarden den Staat um, die Armutsquote in dem 31-Millionen-Einwohner-Land sank deutlich. Maduro sagt, er sei «Chávez' Sohn». Schuld am Absturz habe vor allem der tiefe Ölpreis.

Ricardo Hausmann war Planungsminister in Venezuela und lehrt heute in Harvard. Seit 2013 sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf um 40 Prozent gesunken. «Die Wirtschaftskatastrophe in Venezuela ist schlimmer als jede andere in der Geschichte der USA, Westeuropas oder des übrigen Lateinamerikas», schreibt er in einem Beitrag für das «Project Syndicate». Rund 75 Prozent der Venezolaner seien von teils massivem Gewichtsverlust betroffen, 80 Prozent wälten als arm. Wenn das sozialistische Kartenhaus komplett einstürzen sollte, sei eines klar: «Die beispiellose Wirtschaftskatastrophe wird die konzertierte Hilfe der internationalen Gemeinschaft erfordern.»

@ dpa.de

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