Parteien, CDU

Angela Merkel hält in Essen eine schwere Rede - bis sie auf das Herz der Christdemokraten zielt.

06.12.2016 - 14:36:06

Delegierte feiern Merkel - Emotionen auf der Parteitagsbühne: «Ihr müsst mir helfen». Die Kanzlerin bittet sie um Hilfe. Und nimmt sie zugleich in die Pflicht. Der Jubel ist groß.

Essen - Für eine gute Stunde ist es eine schwierige Rede. Für Angela Merkel und auch für die Delegierten. Die Kanzlerin erklärt der CDU vor der Vorstandswahl beim Parteitag in Essen die Welt.

Mit einem Rückgriff auf die Gründung der CDU vor rund 70 Jahren, dem Grat zwischen Krieg und Frieden in Europa nach dem Grauen des Zweiten Weltkriegs und komplizierten Details zur Digitalisierung. Sie spricht über Syrien, die Flüchtlingskrise, die Rente, Gesundheit und Familie, das C der CDU. Sie bekommt immer wieder Beifall.

Aber in den letzten 15 Minuten ihrer Rede reißt sie den Saal mit. Sie erklärt noch einmal ihre Gründe, warum sie sich zum neunten Mal zur CDU-Vorsitzenden wählen lassen und zum vierten Mal die Kanzlerkandidatur übernehmen will. Lange habe sie überlegt. Viele hätten ihr gesagt: «Du musst, Du musst.» Das habe sie berührt.

Das Gegenteil wäre ja auch nicht schön gewesen, bemerkt sie zur Erheiterung der Zuhörer. Aber dann ruft sie: «Ihr müsst, Ihr müsst mir helfen.» Tosender Jubel. Und: «Es geht nur gemeinsam Hand und Hand mit jedem und jeder aus der Christlich-Demokratischen Union.»

Die etwa 1000 Delegierten springen von ihren Plätzen, klatschen rhythmisch, pfeifen begeistert - seltene elf Minuten lang. Merkel wirkt wie immer bei großem Zuspruch verlegen. Und in diesem Moment weiß sie ja auch noch nicht, wie ihr Ergebnis ausfallen wird. Ihr bestes Resultat war 2012 mit 97,9, ihr schlechtestes 2004 mit 88,4 Prozent.

Sie sagt, sie habe der Partei einiges zugemutet, weil die Zeiten auch ihr einiges zugemutet hätten. Sie mahnt auch, sie könne nicht versprechen, dass das weniger werde. Nicht vergessen sind die harten Wahlschlappen - vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, wo die rechtspopulistische Alternative für Deutschland die CDU überholte, und Berlin, wo die CDU die Macht abgeben musste. Sie sei aber zutiefst überzeugt, dass die Zukunft der CDU «einzig und alleine» von der eigenen Stärke der Partei abhänge. Und das gelinge eben nur gemeinsam. Damit nimmt Merkel ihre Partei in die Pflicht. Die CDU, die sie als Vorsitzende so weit in die Mitte gerückt hat.

Merkel wird sich ein Stück weit neu erfinden müssen. Wenngleich Vertraute von ihr sagen, dass man mit 62 Jahren eigentlich eine abgeschlossene Persönlichkeit sei, und nicht mehr so richtig aus seiner Haut heraus könne. Die Bundestagswahl werde «wahrlich kein Zuckerschlecken», befürchtet Merkel. Sie spricht von starker Polarisierung der Gesellschaft, von Anfechtungen von rechts und links. Aber sie warnt ihre Partei, sie werde nicht über jedes Stöckchen springen. Für sie komme es weiter auf Fakten an.

Merkel gilt in der öffentlichen Wahrnehmung als wenig gefühlvoll. Genau da muss sie wohl im nächsten Wahlkampf besser werden. Das einzige Mal, als sie mehr aus sich herausging, nahmen ihr das viele Menschen übel. Das war in der Flüchtlingskrise, als Merkel geretteten Syrern, Irakern oder Afghanen erlaubte, Selfies mit ihr zu machen.

Großen Applaus von den Delegierten bekommt sie vor allem immer dann, wenn sie über die Verschärfung der Asylpolitik spricht. Schnellere Abschiebungen, härtere Bestrafung bei Verstößen gegen Integration, Burka-Verbot. Dann ist der Parteitag begeistert. Merkel sagt auch noch einmal, was ihr Widersacher, CSU-Chef Horst Seehofer, so gern hört: Eine Situation wie 2015, als Deutschland 890 000 Flüchtlinge aufgenommen hat, «kann, soll und darf sich nicht wiederholen. Das war und ist unser und mein erklärtes politisches Ziel».

Seehofer ist wegen des Zerwürfnisses mit Merkel in der Flüchtlingspolitik nicht nach Essen gekommen. So wie Merkel nicht beim CSU-Parteitag war. Aber CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer ist gekommen und sagt: «Für das Wahljahr 2017 wollen wir einen guten Beginn. Am besten hier in Essen.» Kritiker in CSU und CDU finden, dass Merkel selbstkritisch wie nie gewesen sei. Das sei wohltuend.

Viel schwerer als mit ihrem internen Streit könnten CDU und CSU es noch im Umgang mit Hassbotschaften, meinungsmachenden Robotern und Populismus im Internet haben. Denn sie wissen sich bislang dagegen nur schwer zu wehren. Merkel klagt: «Da wird im Internet gehetzt, was das Zeug hält. Da fallen manchmal verbal alle Hemmungen, wie ich es mir niemals hätte vorstellen können.»

Neu ist an diesem wichtigen Tag für Merkel, dass sie einen ihrer Kernsätze verändert. Jahrelang hat sie sich «absolut überzeugt» gezeigt, dass Europa stärker aus der Krise herauskommen werde, als es hineingeraten sei. Nun mahnt sie: «Wir müssen in dieser Lage, in der die Welt aus den Fugen geraten ist, zunächst alles daran setzen, dass Europa nicht noch schwächer aus den Krisen hervorgeht, als es hineingegangen ist.» Das legt große Sorgen bei Merkel offen. Und zugleich geht sie auf die vielen verunsicherten Menschen zu. Die Welt sei aus den Fugen geraten, sagt jetzt selbst Merkel. Die Kanzlerin.

Sie wolle Deutschland dienen, versichert sie. Wie so oft in ihrer knapp 17-jährigen Amtszeit als CDU-Vorsitzende und elfjährigen Kanzlerschaft. Und sie verspricht: «Ich will und werde alles einbringen, was ich kann, alles, was in mir steckt».

@ dpa.de

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