Mainz (ddp-rps). Patrick Ehmann steht vor einer Schultafel und redet wie im Bundestag. Er trägt Ziegenbärtchen und Pullunder überm Kragenhemd. Im Brustton der Überzeugung sagt der Berliner Theologie-Doktorand, was er von dem gerade vorgebrachten Regierungsantrag einer Männerquote für Kindergärtner und Grundschullehrer hält: «Mich überzeugt nicht, was die Regierung will.» Zwischenrufe von der einen Seite, Tischklopfen von der anderen. Ehmann steht an diesem Freitagmorgen in der Vorrunde der Deutschen Debattiermeisterschaft.
Vier Tage lang treffen sich 200 Studenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum rhetorischen Kräftemessen in Mainz. Wer hier am Sonntag bester Redner werden will, muss sich durch zehn Debatten reden. Sich darüber auslassen, ob Mehrfachnamen erlaubt werden oder Dagobert Duck die Hälfte seines Vermögens an Donald Duck abtreten sollte. Dabei muss derjenige vor allem eines: überzeugen.
Beim Wettdebattieren geht es nämlich keineswegs um lässig-launigen Smalltalk. Die Reden folgten den Regeln der offenen parlamentarischen Debatte, erklärt Juror Torsten Rössing: Zwei Teams à drei Redner erhalten eine Streitfrage. Die einen vertreten die Pro-Position der Regierung, die anderen geben als Opposition Kontra. Nach viertelstündiger Vorbereitung bekommt jeder Teilnehmer sieben Minuten Redezeit. Die eigene Meinung ist hier nicht gefragt. Das Los entscheidet, wer welchen Part übernimmt. Juror Rössing, selbst amtierender Deutscher Meister, findet gerade das spannend: «Man lernt, sich gegnerischen Argumenten zu öffnen und eigene kritisch zu hinterfragen.»
Patrick Ehmann ist einer von drei freien Rednern. Darum darf er sich aussuchen, auf wessen Seite er sich mit seinen Argumenten schlägt. Bei Zwischenfragen steht er auf und streckt den rechten Arm aus, ganz nach Vorbild des britischen Parlaments. Nur mit einem Unterschied, wie er erläutert: «Wir greifen uns nicht mit der Linken an den Hinterkopf, weil wir ja keine Perücken festhalten müssen.»
Gepflegtes Debattieren sei mehr als Drauflosreden, erläutert Juror Rössing. Wer bei der Jury punkten wolle, brauche mehr als spitze Pointen, brauche überzeugende Argumente, müsse klare Gedanken strukturiert formulieren und Urteilskraft beweisen. Dazu selbstsicher auftreten, Gestik und Mimik auf das Gesagte abstimmen, mit dem Publikum interagieren. So bekommen die Teilnehmer von der Jury genauso zu hören, dass ihre Argumente nicht zu Ende gedacht wurden, wie, dass Hände nicht in die Hosentaschen gehören.
Teilnehmer Ehmann debattiert nicht nur, um sich mit anderen zu messen. Man erlerne Grundfertigkeiten wie das Gliedern von Gedanken und den Aufbau von Argumentationen. Bei Uni-Referaten oder später im Beruf sei das sehr hilfreich, sagt der Mittzwanziger, dem eine Karriere als Diplomat vorschwebt.
Juror Rössing bemängelt, dass das Reden in Deutschland zu wenig als Handwerk und zu sehr als Talent betrachtet werde. «Reden kann man aber lernen», unterstreicht er. Er selbst habe seine erste deutsche Meisterschaft als Drittletzter beendet und vier Jahre später als Deutscher Meister. Seiner Meinung nach müsse die Rhetorik wieder zum Fächerkanon deutscher Schulen gehören. An deutschen Hochschulen gebe es Debattierclubs erst seit gut 15 Jahren.
Insbesondere die politische Streitdebatte genieße im angelsächsischen Sprachraum ein weitaus höheres Ansehen als in Deutschland. Hierzulande werde demokratischer Streit vor allem in den Medien stets als Kampf und Uneinigkeit dargestellt. «Dabei geht es nicht um Krach, sondern um Kontroverse», sagt Rössing.
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