Papst will sein Schweigen zum Missbrauch brechen: Der Papst will sein Schweigen zum Skandal um sexuellen Missbrauch brechen. Am Freitag werde er einen Hirtenbrief an die irischen Bischöfe unterzeichnen und danach veröffentlichen, kündigte Benedikt XVI. am Mittwoch an.
Vergrößern Papst will sein Schweigen zum Missbrauch brechen | Bild: ©

Erwartet wird, dass der Brief nicht nur die tausenden Missbrauchsfälle in Irland aufgreift, sondern auch Konsequenzen für die katholische Kirche in Deutschland zieht. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verlangte im Bundestag eine schonungslose Aufklärung der Vorwürfe. Die Bundesregierung plant einen Runden Tisch, der Ende April seine Arbeit aufnehmen soll.

Bei der Generalaudienz in Rom sagte Benedikt, nach der schweren Krise der katholischen Kirche in Irland habe er als Zeichen seiner «tiefen Sorge einen Hirtenbrief zu dieser schmerzvollen Situation verfasst». Vatikankreisen zufolge verzögerte der Skandal an katholischen Einrichtungen in Deutschland das Erscheinen des Briefes. Immer mehr Katholiken hatten in den vergangenen Tagen das öffentliche Schweigen des Papstes zu dem Thema kritisiert. Die katholischen Bischöfe in Bayern beraten seit Mittwoch über das Thema.

Bischofskonferenz plant keinen Fonds

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) plant derzeit keinen eigenen Fonds zur Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs. Die Aussage, ein solcher Fonds werde erwogen, sei falsch, sagte DBK- Sprecher Matthias Kopp der Deutschen Presse- Agentur dpa: «Das mit dem Fond ist schlichtweg eine Behauptung.» Die «Süddeutsche Zeitung» hatte unter Berufung auf Kirchenkreise berichtet, die Bischöfe erwögen, einen eigenen Fonds einzurichten oder sich an einem gemeinsamen Fonds mehrerer Institutionen zu beteiligen.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, versprach eine Aufklärung der Vorwürfe und möglichst vollständige Transparenz der Fälle. Dies wurde nach seinem Treffen mit den kirchen- und religionspolitischen Sprechern der Bundestagsfraktionen in Berlin mitgeteilt.

Merkel fordert Klarheit

«Es gibt nur eine Möglichkeit, dass unsere Gesellschaft mit diesen Fällen klar kommt, und das heißt: Wahrheit und Klarheit über alles, was passiert ist», sagte Merkel in der Generalaussprache über den Haushalt. Man müsse über Verjährung und könne über Entschädigung sprechen. Die Kanzlerin räumte aber ein: «Völlige Wiedergutmachung wird und kann es nicht geben.» Merkel sieht eine Bewährungsprobe für die gesamte Gesellschaft darin, «dass Menschen, die so etwas erfahren haben, sich in dieser Gesellschaft wieder anerkannt, aufgehoben fühlen und wenigstens ein Stück Wiedergutmachung bekommen».

Die Diskussion über die Aufarbeitung der «verabscheuungswürdigen Verbrechen» dürfe sich nicht auf die katholische Kirche beschränken, mahnte Merkel: «Es ist etwas, was in vielen Bereichen der Gesellschaft sich ereignet hat und es ist vor allen Dingen auch etwas, was sich heute teilweise in anderer Form, aber mit gleichen Folgen, weiter ereignet.»

Runder Tisch geplant

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat ihre Idee eines eigenen Runden Tisches zur rechtlichen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufgegeben, wie sie der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Mittwoch) sagte. Mit einem gemeinsamen Runden Tisch will die Bundesregierung nun Missbrauchsfälle aufarbeiten und Konsequenzen für die Zukunft ziehen. Merkel hatte sich nach wochenlangen Diskussionen zwischen Justiz-, Familien- und Bildungsministerium für ein einheitliches Vorgehen eingesetzt.

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte, es sei ein Anliegen der Kanzlerin gewesen, «mit einem gemeinsamen Auftakt und gemeinsamen Format eine gemeinsame Plattform (zu) schaffen für dieses wichtige Anliegen». Innerhalb dieses Formats könnten Bund, Länder, Kommunen und andere Akteure mitarbeiten.

Küng fordert Schuldeingeständnis des Papstes

Der Theologe Hans Küng fordert vom Papst ein persönliches Schuldeingeständnis für den Missbrauch in der Kirche. Benedikt XVI. trage als Papst und langjähriger Präfekt der Glaubenskongregation die Verantwortung dafür, dass die Kirche solche Fälle jahrzehntelang geheim gehalten habe. «Die Wahrhaftigkeit würde es verlangen, dass der Mann, der seit Jahrzehnten die Hauptverantwortung für die weltweite Vertuschung hatte, eben Joseph Ratzinger, sein eigenes "mea culpa" (meine Schuld) spricht», schrieb der katholische Tübinger Theologe in einem Gastbeitrag für die «Süddeutsche Zeitung» (Mittwoch). «Bei keinem Menschen in der Kirche gingen so viele Missbrauchsfälle über den Schreibtisch wie gerade bei ihm.»

Bayerns Bischöfe beraten über Missbrauchsskandal

Die katholischen Bischöfe in Bayern nahmen am Mittwoch ihre Beratungen zum Missbrauchsskandal auf. Bei ihrer Frühjahrsvollversammlung im Wallfahrtsort Vierzehnheiligen beschlossen sie für den Gottesdienst am Mittwochabend ein gemeinsames Vergebungsgebet, teilte eine Sprecherin des Ordinariats in München vorab mit. Außerdem sei vereinbart worden, dass jeder Bischof in der Basilika für seine Diözese eine Kerze entzündet - als Zeichen der Bitte um Vergebung und Aussöhnung an die Opfer.

Das Oberhaupt der katholischen Kirche in Irland, Kardinal Sean Brady, entschuldigte sich wegen der Vertuschung von Kindesmissbrauch bei den Opfern. Gleichzeitig deutete er an, über seine Zukunft «nachzudenken». Ihm war vorgeworfen worden, die Taten eines Priesters in den 70er Jahren nicht der Polizei gemeldet zu haben. Danach wurden Rücktrittsforderungen immer lauter, die Brady zurückgewiesen hatte.

Nach Ansicht des Krisenforschers Frank Roselieb kann die Kirche den Missbrauchsskandal nur mit Hilfe von außen bewältigen. Der Trierer Oberhirte Stephan Ackermann als Sonderbeauftragter der Bischofskonferenz könne das nicht leisten, sagte der Leiter des Kieler Instituts für Krisenforschung in einem dpa-Gespräch: «Ich halte das, was die Kirche macht, für relativ verkehrt.»

Roselieb schlug vor: «Hochkarätige Dritte einschalten - ein Herr Thierse zum Beispiel». Der stellvertretende Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) habe durch sein Amt die nötige Neutralität. Er könnte ein «Gesicht der Aufklärung» sein. Es mache wenig Sinn, dafür Kirchenvertreter einzusetzen. Ihnen fehle die Glaubwürdigkeit. «Auch der Papst könnte diese Aufgabe nicht übernehmen.»

Bischof Ackermann zeigte sich schockiert über das Ausmaß des Skandals. Die katholische Kirche werde «mit menschlichen Abgründen in bisher nicht geahntem Ausmaß konfrontiert», schrieb der Trierer Bischof nach Mitteilung vom Mittwoch an die Gläubigen seines Bistums. Ihn erreichten «zahlreiche Hinweise und Schilderungen von Opfern» weit über das Bistum Trier hinaus. «Was ich da lesen musste, hat mich schmerzlich berührt, ja zum Teil regelrecht schockiert.»

Rom/Berlin (dpa)