In der 2. bis 5. Etage des siebenstöckigen Gebäudes sollen 48 Zimmer entstehen, die von Prostituierten angemietet werden können, um dort bei geöffneter Tür auf Freier zu warten. Die Geschäftsfrau will im Verfahren die Erteilung einer Baugenehmigung zur Nutzungsänderung erreichen. Doch der Bezirk Tempelhof-Schöneberg hatte ihr die Baugenehmigung versagt, weil eine Verfestigung des Rotlichtmilieus und ein weiterer sozialer Abstieg des Viertels befürchtet werden.
Wer beim Ortstermin auf eine Präsentation der Innenräume des Erotikkaufhauses gehofft hatte, wurde enttäuscht. Was drinnen stattfinde, sei unerheblich, hieß es. Es gehe nicht um eine «moralische Bewertung», sondern um die Auswirkungen des geplanten Bordells auf Anwohner und die Umgebung, betonte die Vorsitzende Richterin Sigrid Schwalbe.
Ein Sachverständiger gab am Vormittag eine erste grobe Einschätzung ab. Auf dem angrenzenden Parkplatz der viel befahrenen Kurfürstenstraße, wo Freier ihre Autos künftig abstellen sollen, sei in den Nachtstunden vermehrt mit Geräuschen wie dem Zuschlagen von Autotüren und Kofferraumklappen zu rechnen, hieß es. Um den Lärmpegel von 60 Dezibel nicht zu überschreiten, müssten die Wohnhäuser aber 30 Meter vom Parkplatz entfernt sein, sagte der Experte.
Doch die Lärmbelästigung ist nur ein Kriterium, das vom Gericht bei einer Entscheidung zu berücksichtigen ist, wie die Vorsitzende Richterin unterstrich. «Wir wissen, wie die Anwohner dazu stehen und kennen die Beschwerden der Kindergärten.» In einer Petition haben sich Bürger und Anwohner ausdrücklich gegen die Einrichtung eines «Laufhauses» ausgesprochen. Sie befürchten nachhaltige Einbußen ihrer Lebens- und Wohnqualität durch zunehmenden Autoverkehr und vermehrte Straßenprostitution.
Durch die EU-Osterweiterung sei die Anzahl der Prostituierten angestiegen, habe sich der gesundheitliche Standard verschlechtert und die Kleinkriminalität zugenommen, bestätigte ein Polizist in der mündlichen Verhandlung am Nachmittag. Die Art und Weise, wie um die Kunden geworben werde, sei deutlich aggressiver geworden. Der Beamte ist seit 20 Jahren für den Schöneberger Straßenstrich zuständig und dort derzeit Präventionsbeauftragter. Während früher Prostituierte ihr «Angebot zur Schau stellten», würden die Frauen heute in «jedem männlichen Wesen einen potenziellen Freier sehen». Diese Veränderung habe die Anwohner aufgebracht, sagte der Beamte.
Sebastian A. zum Beispiel fühlt sich von den neuen Prostituierten «belästigt und genötigt» und nimmt lieber Umwege in Kauf, wenn er zum Markt will. Auf der Kurfürstenstraße werde man als Mann «grundsätzlich angesprochen und sogar angefasst», beklagte der 47-Jährige. Auch bei Almut S. ist die Grenze des Verträglichen erreicht. Selbst in ihrer Begleitung werde ihr Mann von den Frauen angesprochen, klagt die 68-Jährige. «Vor 15 Jahren war das nicht so.»
Der bekannte Straßenstrich an der Kurfürstenstraße liegt in einem Kerngebiet, in dem «Vergnügungsstätten» grundsätzlich zulässig sind. Die künftige Betreiberin des Großbordells vertritt die Auffassung, dass ihr Vorhaben keinesfalls zu unzumutbaren Belästigungen führen wird, sondern eher zu einer Verringerung der Straßenprostitution.
Für ein Urteil will sich das Gericht Zeit nehmen. Es sei eine komplizierte Entscheidung. Man wolle nichts übers Knie brechen, sagte die Richterin. Ein Verkündungstermin steht daher noch nicht fest.
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