Özdemir - Özdemir will weg vom «vorgefertigten Korsett» an deutschen Schulen: Grünen-Chef Cem Özdemir fordert mehr Freiräume an deutschen Schulen. «Wir zwingen Kinder im 45-Minuten-Rhythmus in ein vorgefertigtes Korsett», sagte Özdemir im Interview mit der Nachrichtenagentur ddp. Dies sei der falsche Weg.
Vergrößern Özdemir - Özdemir will weg vom «vorgefertigten Korsett» an deutschen Schulen | Bild: ©

Berlin (ddp). Grünen-Chef Cem Özdemir fordert mehr Freiräume an deutschen Schulen. «Wir zwingen Kinder im 45-Minuten-Rhythmus in ein vorgefertigtes Korsett», sagte Özdemir im Interview mit der Nachrichtenagentur ddp. Dies sei der falsche Weg. «Jedes Kind kommt mit einem hohen Maß an Neugierde auf die Welt», betonte er, «aber die Schule versucht oftmals, diese Neugierde abzutöten.» Individuelle Interessen der Kinder gingen häufig unter. Özdemir plädierte dafür, Schulen lediglich grobe Rahmenlehrpläne vorzugeben und ihnen bei der Unterrichtsgestaltung und der Lehrereinstellung mehr Spielraum zu geben.

Kinder müssten an Schulen mehr Fertigkeiten für das Alltagsleben mitbekommen - zum Beispiel wie sie mit Geld umgehen oder worauf sie beim Einkaufen achten sollten. In den jetzigen Lehrplänen bleibe dafür kaum Zeit. «Jedes Kind, das in der Stadt aufwächst, sollte auch mal eine Woche auf dem Bauernhof verbringen, um mal selbst eine Kartoffel aus der Erde zu ziehen oder zu sehen, wo die Milch herkommt», sagte Özdemir.

Der Grünen-Vorsitzende betonte, kurzfristig bräuchten die Schulen mehr Geld und mehr Lehrer. Dies sei nötig für eine stärkere individuelle Förderung. «Ohne das ist alles nichts», betonte er. Langfristig gehe es darum, das mehrgliedrige Schulsystem zu überwinden. Die Kinder dürften nicht mehr «abhängig vom Geldbeutel der Eltern» nach der vierten Klasse getrennt werden. Nur so lasse sich substanziell etwas in der Bildungspolitik verändern. «Das zu durchbrechen, ist eines der größten Tabus der deutschen Nachkriegspolitik», betonte er. Özdemir plädierte für eine Verlängerung der Grundschulzeit bis mindestens zur sechsten Klasse und für Gemeinschaftsschulen. Wichtig sei aber, dort nicht an der Qualität zu verlieren.

Özdemir forderte außerdem mehr Mitsprache des Bundes in der Bildungspolitik. Das mit der Föderalismusreform eingeführte Kooperationsverbot, das dem Bund derzeit Eingriffe und Finanzierung im Bildungsbereich untersagt, habe sich als «Riesenfehler» erwiesen.

Zur Finanzierung von Bildungsinvestitionen schlagen die Grünen unter anderem eine Umwandlung des Solidaritätsbeitrags vor. Dieser soll zum Teil zu einem «Bildungssoli» werden.

(ddp)