Niedecken: «Ich bin kein Spendenaufrufonkel» - BAP-Sänger über sein Afrika-Engagement, Theater und BAPs musikalische Zukunft: Rund 250 000 Buben und Mädchen werden laut einer Schätzung des UN-Kinderhilfswerks Unicef weltweit als Kindersoldaten eingesetzt. Das Landestheater Schwaben bringt das Thema in der Performance «Kindersoldaten: Die Söhne der Medea» ab Freitag (4. Juni) im Allgäu Airport auf die Bühne. BAP-Sänger Wolfgang Niedecken hat das Projekt unterstützt und auch sein Lied «Noh Gulu» zur Verfügung gestellt. ddp-Korrespondentin Ursula Quass sprach mit ihm über Theater, sein Afrika-Engagement und BAPs musikalische Zukunft.
Vergrößern Niedecken: «Ich bin kein Spendenaufrufonkel» - BAP-Sänger über sein Afrika-Engagement, Theater und BAPs musikalische Zukunft | Bild: © ad-hoc-news

ddp: Herr Niedecken, Sie steuern für die Kindersoldaten-Performance ein Lied bei. Haben Sie sich auch darüber hinaus an dem Theaterstück beteiligt?

Niedecken: Wo immer ich etwas beisteuern konnte, zum Beispiel Kontakte zu Betroffenen, habe ich das in die Wege geleitet. Ich engagiere mich seit langem für Afrika und habe mittlerweile ein Netzwerk aufgebaut. Ich kenne viele, die in Afrika aktiv sind. Dieses Netzwerk habe ich gerne zur Verfügung gestellt. Nach einem Treffen mit Intendant Walter Weyers in Köln wollte ich eigentlich auch mal zu den Proben fahren, aber das hat zeitlich nicht hingehauen. Jetzt bin ich sehr gespannt, was daraus geworden ist. Auch darauf, ob sie unser Lied «Noh Gulu» verwendet haben und wenn, dann wie. Schließlich habe ich Intendant Walter Weyers Carte blanche gegeben.

ddp: Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit dem Landestheater Schwaben eigentlich gekommen?

Niedecken: Die haben zum Thema Kindersoldaten recherchiert, und bei der Recherche sind sie auf das Projekt Rebound gestoßen, das ich initiiert habe. Wir haben uns zusammengesetzt, der Rest ist Geschichte.

ddp: Ist das Ihr erstes Engagement für ein Theater?

Niedecken: Als Jürgen Flimm noch Intendant des Schauspielhauses der Stadt Köln war, hat er mich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, eine Rockoper zu schreiben. Das war 1979. Klar konnte ich mir das vorstellen. Allerdings ist es nie zur Aufführung gekommen: Es gab damals in Köln keine Schauspieler, die Kölsch singen konnten. Später hatte ich dann schon mit BAP den Durchbruch geschafft, und die Story hätte als eitel und selbstgerecht empfunden werden können.

ddp: Worum ging es denn in der Rockoper?

Niedecken: Es ging um die alte Kölner Legende vom Knecht Jan und der Magd Griet, die seine Liebe verschmäht. Als er aus dem Dreißigjährigen Krieg zurückkommt, bereut sie, Jan damals abgewiesen zu haben. Nun will aber Jan sie nicht mehr. Diese Geschichte habe ich ins Jetzt übertragen und aus dem Knecht einen brotlosen Künstler gemacht.

ddp: Können Sie sich denn angesichts ihrer aktuellen Theater-Zusammenarbeit vorstellen, dass die Rockoper doch noch einmal auf die Bühne kommt?

Niedecken: Die Zeit ist fortgeschritten. Ich glaube nicht, dass ich das noch mal ausgraben werde. Einige Lieder daraus sind große BAP-Erfolge geworden. «Anna» zum Beispiel oder sehr viel später «Jan und Griet», das auf dem Album «Aff un zo» ist.

ddp: Sie engagieren sich seit Jahren für Afrika. Was war der Anstoß dazu?

Niedecken: Ich habe mich immer für Afrika interessiert. Rock'n' Roll ist für mich weltweite Volksmusik, eine Musik des Volks. Die Wurzeln des Rock'n' Roll liegen in Mali. Das war der eine Einstieg. Angesichts der großen Hungersnot in Äthiopien habe ich 1984 den deutschen Live-Aid-Beitrag «Nackt im Wind» geschrieben. Merkwürdigerweise sind das immer Musiker, die sich engagieren, auch wenn sie später dafür in die Pfanne gehauen werden. In Mosambik habe ich dann während des Bürgerkriegs gespielt, weil die Medien kaum darüber berichtet haben. Und 2004 hat man mich gefragt, ob ich nicht Botschafter für «Gemeinsam für Afrika», der Dachorganisation aus 30 Hilfsorganisationen, werden will. Wenn man einmal anfängt: Das ist ein Schneeballsystem.

ddp: Wenn man in Afrika helfen will, kommt man dann automatisch auf Kindersoldaten?

Niedecken: Diese Kinder haben keine Lobby. Und sie sind ohne ihr Zutun in den Schlamassel hineingeraten. Man muss punktuell aktiv werden und so schnell wie möglich helfen. Gleichzeitig hatte ich sehr schnell das Gefühl: Das macht Sinn. Das ist sehr ermutigend. Wir haben mit Rebound drei Schulen wiederaufgebaut und Schlafsaalgebäude errichtet. Die ehemaligen Kindersoldaten sind nicht nur traumatisiert, oft ist ihnen auch der Weg in ihre Familien verstellt, weil sie gezwungen worden sind, Angehörige umzubringen. Die drei Schulen, das reicht lange nicht, aber wenn man so denkt, kann man es gleich sein lassen. Der größte Kampf ist aber der gegen die Korruption. Sie ist für so vieles ursächlich. Da muss unsere Politik und vor allem unsere Wirtschaft helfen.

ddp: Was kann ein Prominenter wie Sie erreichen?

Niedecken: Es geht darum, am Ball zu bleiben, immer wieder nachzufragen. Ich bin kein Spendenaufrufonkel, keiner, der bei Galadinner gegen den Hunger in Afrika Kaviar schlemmt und Prosecco schlürft. Die Hauptsache für mich ist, Zusammenhänge aufzuzeigen, Kontakte zu schaffen, das Netzwerk zu verdichten.

ddp: Würden Sie sich angesichts des Elends in Afrika manchmal nicht wünschen, mehr tun zu können? Zum Beispiel Arzt geworden zu sein?

Niedecken: Das Leben ist kein Wunschkonzert. Ich habe Malerei studiert und bin mit meiner Hobby-Band bekannt geworden. Medizin zu studieren hätte ich nicht hingekriegt, weil ich kein Blut sehen konnte. Aber mittlerweile haben so manche Empfindungen abgenommen. Früher habe ich schon wegschauen müssen, wenn jemand eine Spritze gesetzt worden ist. Jetzt muss ich das nicht mehr. Außerdem habe ich die vier Geburten meiner Kinder mitgekriegt - das härtet ab.

ddp: Eine letzte Frage: Wann können Ihre Fans mit einem neuen Album rechnen?

Niedecken: Im März nächsten Jahres erscheint unser neues Album. Im Oktober gehen wir ins Studio, und im März, pünktlich zu meinem 60. Geburtstag, wird es dann erscheinen. Dann geht das ganze Theater wieder von vorne los. So weit die Füße tragen... Ich denke überhaupt nicht ans Aufhören. Wir machen weiter, wo wir mit dem letzten Album «Radio Pandora» aufgehört haben. Wenn wir uns nicht kontinuierlich weiterentwickeln würden, wäre BAP 2011 nicht schon 35 Jahre zusammen. Und eines kann ich versprechen: Egal wie lange es BAP gibt, wir werden niemals unsere eigene Cover-Band sein. Nächstes Jahr, wenn das Album raus ist, gehen wir mit zweierlei Programmen in den deutschsprachigen Ländern auf Tour: Zuerst eine Art Greatest-Hits-Tour plugged und dann nach einer Pause unplugged mit einer spezielleren Songauswahl in etwas erweiterter Besetzung. Darauf freuen wir uns.

ddp/qua/ple