Nähen für eine exzentrische Kundschaft: Historisch anmutende Kostüme hängen an Kleiderbügeln. Kisten mit Hüten, Hauben oder Gürteln stehen auf dem Boden. Wenn Britta Gläßer nicht gerade an einem Kostüm näht, trifft sie Reisevorbereitungen. Die Gewandschneiderin aus Südhessen bricht beinahe jedes Wochenende zu einem der zahlreichen Mittelaltermärkte in der Republik auf.
Vergrößern Nähen für eine exzentrische Kundschaft | Bild: © dapd

Groß-Zimmern (dapd-hes). Dort verkauft sie ihre Produkte an 'Freizeitritter' und passionierte Rollenspieler.

'Es fällt schon auf, dass immer mehr Mittelaltermärkte und Ritterspektakel in deutschen Städten veranstaltet werden', sagt Gläßer. Seit 2005 schneidert sie historische Kostüme aus verschiedenen Epochen. Egal, ob die Kunden nach dem Hochmittelalter verlangen, ob sie sich als süddeutsche Landsknechte oder als Priester während der Reformationszeit verkleiden wollen - die Schneiderin erfüllt jeden Wunsch und recherchiert in Bibliotheken nach Schnitt, Stoff und Faltenwurf.

'Am Anfang meiner Tätigkeit musste ich mir erst einmal einen historischen Überblick verschaffen', erinnert sich die gelernte Gärtnerin. Da die Ansprüche hoch seien, orientiere sie sich so nah wie möglich am Original.

Neben jenen, die hin und wieder in eine andere Epoche schlüpfen, gibt es auch Kunden, die Gläßers Dienste aus professionellen Gründen beanspruchen - so etwa die Führer auf der Burg Breuberg im Odenwald. Drei Mitarbeiter hat sie dort bisher mit unterschiedlichen historischen Gewändern ausgestattet.

'Das Kostüm macht uns für die Besucher wesentlich interessanter', berichtet der 37 Jahre alte Burgführer Ludwig Eckhardt. Seit drei Jahren trägt er zu verschiedenen Veranstaltungen auf der Burg sein Kostüm, das sich an die Trachten der Renaissance anlehnt. 'Zuhörer werden bei Führungen schlicht aufmerksamer, wenn jemand mit einem historischen Gewand vor ihnen steht.' Insofern seien die 1.000 Euro für das Kostüm gut angelegt.

Doch auch passionierte Rollenspieler oder Vereinsmitglieder, die sich intensiv mit dem Mittelalter auseinandersetzen, legten größten Wert auf Authentizität, sagt Gläßer. Und das gilt bei einigen Kunden sogar für nicht sichtbare Details. Mancher habe schon eine Unterhose im Stil des Hochmittelalters bestellt, erzählt die Schneiderin aus Groß-Zimmern bei Dieburg.

Ihre Stoffe bestellt sie aus deutschen Kammgarnwebereien, Samt und Wolle auch aus dem Ausland, vor allem aus Irland. 'Bei mir gibt es kein Polyester. Ich stelle ja keine Fastnachtskostüme her', betont die Autodidaktin, die unter dem Label 'Die Gewandburg' firmiert.

Noch ist die Burg aber ein kleines Reihenhaus im Neubaugebiet von Groß-Zimmern. Hier produziert Gäßner bis spätabends bis zu sechs Gewandstücke in der Woche. 'Für einen Laden muss ich noch sparen', sagt die blonde Frau. Aber auch ohne eigenes Geschäft dürfte sich der geschäftliche Erfolg in den kommenden Jahren festigen, gibt sie sich zuversichtlich.

Das Mittelalterambiente sei schließlich europaweit stark angesagt. Und auch in Deutschland profitierten Tourismus, Gastronomie sowie Händler und Produzenten altertümlich anmutender Waren vom Umsatz auf solchen Veranstaltungen. Ein reines Geschäft ist die Schneiderei für Gäßner gleichwohl nicht.

'Ich kann die Begeisterung für die Geschichte und das archaische Leben nachvollziehen', sagt die 45 Jahre alte Hessin. Schließlich sei sie vor etlichen Jahren selbst dem Charme eines abendlichen Mittelaltermarktes erlegen. 'Die Atmosphäre war unglaublich, als Besucher konnte man sich ganz der Illusion einer anderen Welt hingeben', erinnert sie sich.

In ihrer Rolle hinter dem Verkaufsstand trägt sie ihren Teil zu der besonderen Stimmung bei und tauscht Jeans und T-Shirt gegen Samtkleid und Haube. 'Als Gewandschneiderin muss man repräsentieren, und zwar vom Scheitel bis zur Sohle.'

dapd