Mit 570 Pferdestärken gegen das Eis auf dem Main: Minus elf Grad zeigt das Thermometer, klirrende Kälte steht in der Luft, die Eisschollen auf dem Main schwimmen dicht an dicht. Dort, wo sich an den Rändern der Fahrrinne doch noch Wasser seinen Weg an die Oberfläche bahnt, planscht eine Gruppe Enten. Jäh werden sie bei ihrem Bad gestört als Kapitän Volker Brand am Donnerstagmorgen den 570 PS starken Motor seines Schiffes anwirft.
Vergrößern Mit 570 Pferdestärken gegen das Eis auf dem Main | Bild: © dapd

Großkrotzenburg (dapd-hes). Konzentriert steuert er auf die 20 Zentimeter dicke Eisdecke neben den badenden Enten im Wehrbereich der Schleuse Großkrotzenburg zu.

Ein normales Schiff würde sich schon nach kurzer Fahrt im Eis festfahren - nicht jedoch sein Eisbrecher 'Pechmann'. 'Bis zu einer geschlossenen Eisdecke von 45 Zentimetern leistet das Schiff zuverlässig seinen Dienst', sagt Brand. Er setzt auf das Eis auf - das Schiff ruckelt, der Motor rumort, das Eis bricht.

Die anhaltend frostigen Temperaturen haben den Main in den vergangenen Tagen bis ins südhessische Großkrotzenburg zufrieren lassen. Seit Montag ist ein Durchkommen hinter der Schleuse Richtung Bayern nur noch mithilfe von Eisbrechern möglich. Derzeit gewährleistet das Wasser- und Schifffahrtsamt Aschaffenburg (WSA) freie Fahrt bis zum Hafen Aschaffenburg. Wie lange die beiden eingesetzten Eisbrecher den Streckenabschnitt aber noch frei halten können, steht in den Sternen.

'Sie müssen sich das wie eine Schlacht vorstellen', sagt Siegfried Lasar vom WSA. Das Einfrieren des Mains beginne immer im oberen Abschnitt am Main-Donau-Kanal. Dann setzte es sich bei anhaltenden Minusgraden fort, manchmal eben auch bis zur Schleuse in Großkrotzenburg. Hier war das Eis zuletzt vor drei Jahren so dick, dass Eisbrecher anrücken mussten. 'Die Eisbrecher kommen irgendwann nicht mehr durch und wir müssen uns Main-aufwärts zurückziehen. Sobald Tauwetter einsetzt, kämpfen wir uns dann wieder zurück', erzählt Lasar. Bis dahin müssen die entsprechenden Streckenabschnitte für den Schiffsverkehr gesperrt werden.

Während in Richtung Bayern dicke, übereinandergeschobene Eisschollen ein Winterpanorama zaubern, fließt der Main Richtung Frankfurt wie gewohnt vor sich hin. Zwar habe das Schifffahrtsamt für kurze Zeit erwogen, den Eisbrecher-Einsatz bis nach Frankfurt fortzusetzen, die Wassertemperatur fiel jedoch nicht tief genug. Grund dafür ist das politisch umkämpfte Kohlekraftwerk Staudinger in direkter Nähe zur Großkrotzenburger Schleuse. Das für die Energieproduktion benötigte Kühlwasser entnimmt es dem Main und führt es ihm später wärmer wieder zu. 'Und bei Eis kommt es häufig nur auf einige Zehntel-Grad an', erklärt Lasar.

Seit vor einigen Jahren das Kraftwerk in der Nähe von Aschaffenburg geschlossen wurde, rückt das Eis auf dem Main in kalten Wintern weiter vor. 'Früher mussten wir nur sehr selten bis zur Schleuse solche Eismassen brechen', erinnert sich Kapitän Brand. Seit dem kein Kühlwasser mehr in den Fluss geleitet wird, sieht das anders aus. Pro Acht-Stunden-Schicht geleitet er etwa sechs Schiffe bis zum Hafen Aschaffenburg und zurück.

Eisbrecher 'Pechmann' bewegt sich nur mit drei Kilometern pro Stunde. Die Pause während der Schleusung der Frachtschiffe nutzt Brand dafür, die Eisdecke vor dem Schleusenwehr zu Brechen - die Strömung unter der Eisdecke könnte das Eis ansonsten immer stärker dagegen pressen und es so beschädigen. Mit dem Brechen des Eises kann das Wasser wieder über das Wehr ablaufen - der sogenannte Eisversatz wird verhindert.

Nach einer knappen dreiviertel Stunde ist die Eisdecke vor dem Großkrotzenburger Wehr gebrochen, die Enten kommen zurück. In der Schleuse wartet das nächste Schiff, das von Eisbrecher 'Pechmann' sicher durch die Eiswelten des Mains gebracht werden möchte.

dapd